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Leiden und Genialitaet

Manchmal hilft es schon, sich mit Freunden zusammen einen Schnaps hinterzukippen. Nach der Strandparty gehe ich mit zwei Antimafiaaktivisten und einer Freundin in die Vucciria, um ein paar Bahnen zu schwimmen, wie man das hier nennt. Die Vucciria ist der ehemalige Fleischmarkt, ueberall gibt es Glastheken, die sehr viel direkter als bei uns ausstellen, was sie den Kunden anbieten. Man sieht also echtes rohes Fleisch, verschwubbelte Tintenfische und riesige Schweinshaxen, von denen ein Stueck Fett heruntergeschnitten wird, das dem Verzehrer direkt ins Herz injiziert wird. Es ist wie immer ein Gewuehle, genau das richtige fuer vier Frustrierte. Die schwere Stimmung hat sich auf alle uebertragen.

Eine Sambucca hat schon immer geholfen. Man taucht den Zeigefinger in den klebrigen Alkohol, zuendet sich den eigenen Finger daraufhin an, um ihn brennend abzulecken und mit dem Mund zu loeschen. Dann das Glas in einem Zug leeren, durch den Mund einatmen und mit dem Ausatem den Finger pusten. Jetzt geht es besser.
Manchmal hilft es auch, ein berufliches Erfolgserlebnis abzugreifen. Ich gehe in die Villa Niscemi hinter dem Stadion, wohin ich durch die ganze Stadt fahren muss. Ein gigantischer Park mit uralten Baeumen, Papageien und Laufenten umgibt die Residenz des Buergermeisters. An der Pforte stelle ich mich als Dottoressa L. vor, denn in Italien bin ich das. Ein erhebendes Gefuehl, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Parkwaechter kuendigt mich in der Villa an.

Der Buergermeister von Palermo gibt mir ein wissenschaftliches Interview. Leoluca Orlando ist ein erklaerter Mafiagegner und hatte deswegen in den 90er Jahren immer Polizeischutz, in einer Zeit, als viele Richter, Staatsanwaelte und Politiker umgebracht wurden. Heute hat sich das gewandelt, Palermo ist sicherer geworden, was daher ruehren koennte, dass die Geschaefte der Mafia florieren und sie daher nicht mehr zu Terrormassnahmen und nur mehr selten zu Mord greift. Er ist puenktlich und nett.
Wir bequatschen kurz mein Vorhaben, fuer Addiopizzo einen Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben, um die Organisation weiter zu professionalisieren und transparenter zu machen. Die Idee ist, Unternehmern die Schwellenangst zu nehmen, Addiopizzo zu kontaktieren, da es ein Dokument geben soll, das das gesamte Paket an Schutzangeboten fuer Unternehmer darstellt und das Ganze von einem internationalen Zertifikat bescheinigt.
Ich stelle mein kleines Aufnahmegeraet ein und erfahre, dass es auf Sizilien oft genug die auslaendischen Unternehmen sind, die Direktinvestitionen taetigen und sich dabei schlimmer als die schlimmsten Sizilianer benehmen. Seiner Ansicht nach haben die Sizilianer verstanden, dass eine Kooperation mit der Mafia keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellt, waehrend die deutschen und franzoesischen Firmen im kolonialen Denken verhaftet sind, dass eine Schmiergeldzahlung auf Sizilien zum guten Ton gehoert. Schockierende Neuigkeiten fuer mich und der indirekte Aufruf, es in Deutschland einmal besser zu machen.

Ein weiterer Termin mit einem Unternehmer, der kein Schutzgeld zahlt, aber sich niemals von Addiopizzo als mafiafrei zertifizieren lassen wuerde. Er hat ein teures und gutgehendes Restaurant nahe der Via Roma im Zentrum und ist eher bereit, all die Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, die seine Opposition mit sich bringt, als den Mafiosi Geld in die Tasche zu stecken. So muss er damit leben, dass ihm der Weinkeller ausgeraeumt wird, dass die staedtischen Kontrolleure immer nur zu ihm kommen und dass er immer wieder kleine Schaeden im Restaurant und an der Eingangstuer beseitigen muss. Insgesamt, meint er, mache es finanziell keinen Unterschied: Entweder er bezahlt Schutzgeld oder die Reparaturen. So fuehlt er sich immerhin moralisch im Reinen.

Wer so eng zusammenarbeitet, zwischen dem fliegen die Funken. Die Antimafiaaktivisten kennen sich alle seit Jahren, sind privat befreundet und haengen taeglich stundenlang aufeinander. Hat einer schlechte Stimmung, spueren das alle. Wenn sie sich nicht so sehr lieben wuerden, wuerden sie weniger leiden. So ist das in einer ideologischen Organisation. Aus dem Leiden entsteht jedoch erst die Genialitaet, die Addiopizzo auszeichnet.

17.9.13 10:33
 
Letzte Einträge: Der Ashram, Ein Albtraum ohne Erwachen


bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Leander (22.9.13 12:51)
Deine eingetrübte Stimmung kann ich sehr gut nachvollziehen. Welchen Stimmungsausdruck würdest du der Bevölkerung konstatieren?


Leander (4.1.14 22:01)
Hast du diese Odysee überlebt?


Leander (20.10.14 23:57)
Wo ist Nora?


Dr. Elena (11.11.14 09:51)
"Mut ist auch nur ein Anagramm von Glück."

Wie ich die Situation gerade überblicke, ist das nicht ganz richtig.
Dr. Elena ist eine Art Anagramm von: Leander.

Daher werde ich ab sofort unter diesem Namen schreiben.


Leander (13.2.15 00:30)
Es erleichtert mich sehr, ein Lebenszeichen von dir zu lesen. Danke.
Leider fand ich im www keine Fortsetzung unter Dr. Elena.
Hab bei google/bilder gegoogelt und noch nie eine derartig unglaubliche Vielzahl an fantastisch schönen, atraktiven Frauen schauen dürfen, nur du warst nicht zu finden. Schade!
Gibst du mir Zugang?


Nora (15.8.15 18:12)
Hä? Bahnhof.

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