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September wie bei uns November

Schwere Tage. Wenn die Wirtschaft am Erliegen ist, drehen alle Beteiligten, sprich die gesamte Gesellschaft durch und es gibt Querelen allenthalben. Diese Binsenweisheit erhalte ich von meinem Vermieter, in dessen Firma ehemals 12 Angestellte ihr Bestes geben konnten und in der noch etwa sechs uebrig geblieben sind, die mit den Beinen strampeln.
Sizilien ist eine Insel voller Schmerzen. Das leichte Leben, das mir die letzten acht Wochen vorgespielt wurde, ist in Wahrheit nur dem Sommer geschuldet gewesen. Im Sommer geht es selbst denen gut, die am Boden liegen. Und das sind viele.

Die Hoffnungslosigkeit der Jugend manifestiert sich in einem ungesunden Giftlerlebensstil; die einzige Moeglichkeit, sich in Palermo nachts zu amuesieren, liegt augenscheinlich darin, sich in ein punkiges Stiefeloutfit zu werfen, sich die Augen zu umranden und schmerzhafte Piercings durch die Haut zu treiben. Man sitzt zusammen und bequatscht Belanglosigkeiten, mitten im Strudel, der einen nach unten zieht. Die ganze Misere spuelt man mit schlechtem hollaendischem Bier herunter, Bavaria, nur echt aus Holland, dreht sich einen oder knibbelt an seiner Zigarettenkippe und zieht seinen Hund, der vom Laerm voellig aufgewuehlt ist, durch die Menschenmenge der Vucciria, des Ballarò oder auf der piazza Magione. So vielseitig und multikulturell Palermo auch sein mag, so hipp, taettoowiert und alternativ die Jugend hier auch ist, den meisten geht es schlechter als ehedem, die Gesellschaft ist zerrissen, die Wirtschaft unter kuenstlicher Kontrolle der Mafia, sodass sich kein freier Markt und kein Wohlstand entwickeln kann. Der oeffentliche Nahverkehr ist inbequem und bedient nur das Zentrum, waehrend die Paeripherie abgeschottet bleibt. Fahrradfahrer leben gefaehrlich. Jeder versucht nur, sich selbst zu retten und seine eigene heile Welt zu definieren.

Mein Stimmzettel ist angekommen und ich mache von ihm Gebrauch. Was ich ankreuze, wird ueber die zukuenftige Europapolitik mitentscheiden und ist insofern bis hier in den Sueden von Gewicht. Schade nur, dass ich all die politischen Diskussionen in der Heimat verpasse. Mein Freiwilligenarbeit in Palermo bezahle ich auf diversen Rechnungen.


Dank des Regens der letzten Tage, der die Ankunft des Winters angekuendigt hat, ist die Luft derart angefuellt mit Stechmuecken, dass es schwer ist, zu einer ruhigen Nacht zu kommen. Voellig uebermuedet sitze ich im Buero und reibe mir die zerbissenen Beine. Abends gehe ich in der Daemmerung nach Hause, ueber den Markt, vorbei am Tribunal. Unterwegs ein Treffen mit der anderen Praktikantin, wir trinken Kaffee und unterhalten uns darueber, warum es so schlecht laeuft. Allerdings nicht im Allgemeinen, sondern zwischen uns beiden. Anfangs haben wir gemeinsam an dem Projekt gearbeitet, das ich vorgeschlagen habe. Dann hat sie sich daraus zurueckgezogen, ohne mir Bescheid zu geben. Ich bin so aufgewuehlt, von allem, was in letzter Zeit passiert ist, dass ich waehrenddessen schlucken muss und als wir uns verabschieden, laufen die Traenen. Die zerrissene Stimmung im Buero hat sich auf alle uebertragen, die die Raeumlichkeiten betreten. Regen und helle Strahlen ergeben traumhaftes Fotowetter und bunte Streifen am Himmel.


Auch wenn das viele nicht nachvollziehen koennen und sich daher bei mir eher danach erkundigen, ob ich in letzer Zeit schlecht schlafe. Meine Angela-Merkel-Mundwinkel sind jedoch nicht meiner allgemeinen Befindlichkeit, sondern der Stimmung innerhalb der Organisation geschuldet. Nur, weil wir hier eine tolle NGO sind, die eine super Idee unterstuetzt, heisst das nicht, dass sich alle liebhaben.

Meine Lieblingsbar ist ab jetzt gestorben. Bisher habe ich mich immer gefreut, zu der netten Familie zu gehen, die in der Naehe des Hauptsitzes von Addiopizzo Eis, Panini und Kaffee anbietet. Jedes belegte Broetchen, das ich bestellt habe, wurde mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit belegt, Auberginenscheiben unter Olivenoel, etwas Salz und Basilikum in gegrilltem Weissbrot, dafuer mindestens zehn Minuten Zubereitungszeit, um es so schoen wie moeglich zu belegen, und war eine Sensation. Ich erfahre, dass diese Familie Schutzgeld von anderen erpresst hat und bin geschockt. Das letzte panino von dort bleibt mir im Halse stecken.
Meine Yogastunde am Strand ist ein bisschen traurig. Von den 20 Angemeldeten erscheint kaum einer. Der Sonnenuntergang hingegen ist perfekt. Einfach den Ruecken durchstrecken und weiterlaufen.

9.9.13 18:30
 
Letzte Einträge: Der Ashram, Ein Albtraum ohne Erwachen


bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ehlena (9.9.13 19:21)
Sagst du ihnen, warum du nicht mehr hingehst? Ist wahrscheinlich zu gefährlich, oder? Du klingst sehr niedergeschlagen, fühl dich fest gedrückt!


Norina (10.9.13 10:10)
Nein, ich werde nichts sagen. Gefaehrlich ist es wahrscheinlich nicht, aber sie wuerden nicht verstehen, was ich von ihnen will. Ich war dort immer mit meiner Addiopizzo-Tasche drin ;-) und der Sohn gruesst mich immer nett, wenn ich dort vorbeilaufe.


(10.9.13 15:42)
Nur in konträren Parteien kann man Änderungen bewirken oder eigene Positionen hinterfragen. Auch deren liebevolle Arbeit ist zu würdigen, ihre dunkle Seite jedoch zu analysieren.


Norina (11.9.13 09:47)
Mein Geld soll nicht in den Taschen von Erpressern und Hilsmafiosi landen, daher werde ich den Laden boykottieren. Das ist die Basis der Idee von Addiopizzo: Kritischer Konsum, der diejenigen unterstuetzt, die sich oeffentlich gegen die Cosa nostra stellen und ihre Erpresser denunzieren und gleichzeitig die Geschaefte ausschliesst, die das Geschaeftskonzept der Legalitaet nicht verstanden haben.


Leander (13.9.13 14:58)
Engel im Himmel, Teufel in der Hölle - das wird nie und nimmer etwas Gemeinsames, da die Entfernung galaktisch weit ist.

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