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Ferragosto unter Sektierern und Carabinieri

Auf dem Markt beginnt die Saison der Kaktusfeigen. Dazu kaufe ich gelbe Pfirsiche und Wassermelone und gleiche mit den Vitaminen die Suenden aus, die ich abends mit Bueffelmozzarella, Tomatensauce und aufgegangenem Pizzateig des Himmels begehe.


Eine Englaenderin hat sich in meinem Squat, in dem ich wohne, eingenistet. Sie ist Evangelistin und je laenger ich mit ihr spreche, desto klarer wird mir ihr engeengtes Weltbild, das alle Sektierer gemeinsam haben. Sie ist blond, hell und huebsch, aber ihre politische Einstellung macht unsere Welt zu einem gefaehrlichen Ort. Abends verbringen wir die Zeit auf der Dachterrasse und sie erklaert mir den heiligen Geist, den ich als Katholikin als obskures Konzept betrachte, das eher mit den Judaeern als mit mir zu tun hat. Der heilige Geist ist ueberall. Sie betet laut und legt mir ihre Hand auf die Schulter. Lord Jesus, you died for me. Danach lesen wir gemeinsam Lukas.


Sie ist zu blond, zu naiv und zu verblendet ideologisch fuer ein so gefaehrliches Pflaster wie Palermo. Ich erklaere ihr die Mafia, ohne dass sie versteht. Ein Maedchen, dass sie im Flugzeug kennengelernt hat, laedt sie ein, mit ihr die freien Tage um Maria Himmelfahrt zu verbringen. Als ich das Maedchen sehe, weiss ich sofort, dass ich mich ihr nicht annaehern werde, die Schwingungen, die von ihr ausgehen, beeinflussen mich negativ. Als die naive Mitbewohnerin mir nach ihrem Treffen von der Familie des Maedchens erzaehlt, wird mir sofort klar, woher meine Abstossungsreaktionen kamen. Es scheint sich um eine Familie von lauter Mafiosi zu handeln oder zumindest pflegen sie beste Kontakte. Die naive Englaenderin arbeitet gemeinsam mit mir fuer Addiopizzo fuer einige Tage und als sie der Familie davon erzaehlt, ist die Reaktion verhalten bis negativ. Wer auf die Erwaehnung der Antimafiaorganisation mit einem gequaelten Laecheln reagiert, kann nur entweder selber Mafioso sein oder ist mit den Methoden der Cosa nostra allzu einverstanden. Als der Englaenderin langsam klar wird, mit wem sie es zu tun hatte, weiten sich ihre Augen und ich brauche einige Zeit um sie wieder zu beruhigen. Unter ihrem Balkon steht ein weisses Auto, das dem entspricht, welches der Vater der Familie faehrt. Ich erklaere ihr, dass das nur ein Zufall ist und dass sie nichts zu befuerchten hat. Eine Auslaenderin, die etwas Zeit mit den Antimafiaaktivisten verbringt, ist nicht die Zielscheibe fuer Angriffe des Verbrechersyndikats.


Ich werde durch sie noch katholischer als ich vorher schon war und schmuecke mein Zimmer mit der Madonna, die mit verklaerten Augen nach oben schaut. Aus Interesse und meiner Allgemeinbildung zuliebe gehe ich auf den Ballarò und in die dortige Kirche del Carmine, Sonntags, in die katholische Messe. Der Priester ist uralt, ein Greis, der zittert und sich dennoch vor den Altar kniet. Vor Beginn der Messe, die auf dem quirligen Markt dennoch nur von einer kleinen Handvoll Glaeubigen besucht wird, kaufe ich noch Tomaten und Zucchini, in der Kirche riecht es nach den Ueberresten der Fischhaendler. Eigentlich sind alle Anwesenden mit der Vorbereitung des Gottesdienstes betraut und echte Gottesdienstbesucher sind ausser mir nur zwei. Eine aeltere Dame kommt auf mich zu und singt mir das erste Lied der Messe vor, damit ich bei Eintritt des Priesters lauthals mitsingen kann. Willkommen in Palermo, in der letzten Minute wird as erste Lied geaendert und die nette alte Dame stellt sich neben mich um mich mit ihrem Gesang in der Melodie zu unterstuetzen. Es ist ein grauenhafter Gottesdienst, der Greis vor dem Altar haelt eine Predigt fuori del mondo, ausserhalb jeder Realitaet. Wer immer behaupte, die katholische Kirche disrespektiere den menschlichen Koerper, begehe mit dieser Aussage eine Suende und eine Luege, wie er meint. Seine Predigt bringt mich aus der Fassung, zwischen den Zeilen steht geschrieben, dass die Politik der Kirche Schwulen gegenueber richtig ist, dass man Sexualitaet weiter unterdruecken darf und soll und dass der Mann mit seinem Zoelibat zufrieden ist, was er in seinem Alter gerne sein kann. Voll Zorn komme ich aus der Kirche.

 

Die naive Englaenderin nimmt mich mit in einen evangelistischen Gottesdienst der Pfingstprotestantengemeinde. Einige Afrikaner und viele Italiener feiern die Messe mit lautem Gesang und individualistischen Botschaften in den Lobgesaengen, was mir aus irgendeinem Grund missfaellt. Daraus, dass diese Protestanten ihre persoenliche Beziehung zu Gott in den Vordergrund stellen, lese ich den puren Calvinismus heraus, che schifo. Alle Gemeindemitgleider muessen dringend ihre unglaubliche Liebesbeziehung zu Jesus unter Beweis stellen, indem sie einen leidenden Gesichtsausdruck an den Tag legen, waehrend sie singen, wie sehr sie Jesus lieben. Der Gesichtsausdruck der Bandmitglieder auf der Buehne ist schwer zu ertragen. Auch die Gemeindemitglieder - einige huepfen und tanzen waehrend der Lobgesaenge und bei den Gebeten murmeln viele vor sich hin und sprechen zu Gott, eine Hand erhoben und die Augen geschlossen. Wir fassen uns an den Haenden, um Gott noch mehr zu spueren. Die Predigt des Pastors ist schrecklich, das Mirkofon ist auf megalaut gestellt und ich muss mich eine dreiviertel Stunde lang anschreiebn lassen, dass Jesus sagt, man solle niemanden verurteilen. Danach Lobgesaenge und die Versicherung der naiven Englaenderin, dass dieser Gottesdienst viel freier sei als eine katholische Liturgie.

Religioes gesehen habe ich mich bewusst in die totale Verwirrung hineingestuerzt um zu sehen, an welchem Ende ich wieder herausfinde. 


Maria Himmelfahrt in der Mitte jedes Augustes ist in Sueditalien der Komplettausfall jeglicher Arbeitsaktivitaet. Ueber eine Woche bleibt das Buero der Antimafiaorganisation geschlossen und ich nutze die Zeit, um ueber mich selbst, den Papst, die heilige Madonna und die Mafia nachzudenken. Ich vereinbare einen Termin mit einem sozialen Secondhandshop, die in Palermo Naehunterricht in Problemvierteln und mit Immigranten veranstalten. Die Praesidentin ist Afrikanerin, eine schoene Frau und Mutter dreier Kinder, die um sie herumrennen und die ganze Naehstube in einen Spielplatz verwandeln. Sie suchen dringend eine Praktikantin, doch ich bin schon fuer Addiopizzo vergeben. Fundraising ist ein Problem, ebenso wie Marktrecherche. Sie stellen Jutebeutel aus gebrauchten Stoffen her und versuchen auf Messen des kritischen Konsums ihre Sachen an den Mann zu bringen. In Deutschland werde ich versuchen eine Praktikantin fuer sie aufzutreiben. Modestudenten und BWLer koennten sich dort austoben und den Laden auf Vordermann bringen. 


An Maria Himmelfahrt gehe ich an den Strand von Addiopizzo in Capaci, wo das Blutbad an dem Maxiprozess-Richter stattgefunden hat. Vor 20 Jahren wurde ein Autobahnabschnitt, auf dem der Richter und seine Leibwache fuhren, in die Luft gesprengt. Heute verleiht Addiopizzo dort Strandliegen und Sonnenschirme und gibt Getraenke aus. Ich spreche mit der Verantwortlichen, um dort Yogastunden zu vereinbaren, an denen alle teilnehmen koennen. Momentan ist absolute Krisenstimmung, da die Mitglieder von Addiopizzo zum ersten Mal am eigenen Leib spueren, was es heisst, in einem Kontext der totalen Illegalitaet Unternehmer zu sein. Der Barmann von nebenan stiehlt nachts nicht zum ersten Mal kistenweise Schnaps aus der Bar von Addiopizzo. Er raeumt den Sand zur Seite und quetscht sich unter der Holzwand durch und reicht seinem Komplizen die Flaschen des teuren Diebesguts. Die Polizei hat anscheinend Angst vor diesen Leuten und so muss Addiopizzo selber eine Nachtwache organisieren, um den Diebstahl zu verhindern. Nebenbei werden sie solange von der Polizei auf alles kontrolliert, bis endlich ein Fehler gefunden wurde. Als der Lido nebenan geschlossen hat, ist nur der Bademeister von Addiopizzo am Strand, an einem Abschnitt, an dem jedoch ein zweiter Bademeister Aufsicht halten muesste. So fangen wir uns eine Strafgebuehr von 1000 Euro ein. Die Sportveranstaltungen, die Addiopizzo am Strand veranstaltet, werden von der Gemeinde boykottiert, die es gewoehnt ist, dort ihre eigenen Fussballspiele abzuhalten. Als Addiopizzo ein Volleyballturnier veranstaltet, eskaliert die Situation und der Cousin eines Addiopizzomitglieds wird in eine Schlaegerei verwickelt. Man ueberlegt, das Projekt aufzugeben, doch wie kann man dann Unternehmern, die von der Mafia bedroht werden, noch Mut machen, wenn nicht einmal Addiopizzo selbst es schafft, ein kleines Unternehmen zu erhalten? Auf meine Yogastunde in diesem Kontext bin ich mehr als gespannt.


Antonino macht ein Praktikum auf Sizilien in einer kleinen Carabinieristation in einem Dorf in der Naehe von Catania. Sonntags fahre ich dorthin und werde von ihm abgeholt. Ich waere gern in Catania geblieben, doch ihn zieht es zurueck in das Kaff, in dem er Dienst hat und so fahren wir nach Calatabiano, wo er mir eine goettliche Granita ausgibt, Kaffee und Mandel, eiskalt und suess, genau das richtige in der Hitze.


Wir erklimmen einen Huegel in der Naehe und er berichtet mir, dass er schon im ganzen Dorf, das eigentlich eine Kleinstadt ist, bekannt ist als der Carabiniere, der immer seinen Kaffee bezahlt. In diesen kleinen Orten ist es an der Tagesordnung, dass Carabinieri auf alles eingeladen werden. Sogar mein Zimmer in einem BnB wollten die Vermieter fuer ihn kostenlos anbieten, er musste darauf bestehen, dass ich zumindest einen symbolischen Preis bezahle. Das nennt man in Deutschland Kleinkorruption, denn was soll sonst hinter diesen Gefallen stecken, die alle Geschaeftsleute den Carabinieri anbieten? Von Eidechsen und Ameisen umgeben steigen wir vom Huegel zurueck herunter und geben uns dem Dorffest hin.



Ein Mittelalterspektakel mit Fahnenwerfen, Umzug der Prinzessin und Trommlern. In einer Ausstellung zeitgenoessischer Kuenstler verbringen wir Stunden, weil er sich in ein Bild verguckt hat, dass er erstehen moechte. Die Vision ist, am ersten Ort, wo er Dienst als Carabiniere hatte, ein Bild zu erstehen, das ihn dann waehrend seiner gesamten Carabinierikarriere begleitet und immer in seinem Buero haengen wird. Die Verhandlungen dauern ewig und schliesslich ringen sie sich zum Kaufakt durch.

In Deutschland werden Geschaefte ruck zuck abgewickelt, hier muss man sich erst berochen haben. Die Kuenstlerin in hohen Hacken ist begeistert von der Idee und beleuchtet die Hintergruende ihres Bildes, das sie im Moment grossen Schmerzes gemalt hat. Auf der Piazza empfiehlt Antonino mir Pasta alla Norma mit leckeren Auberginen und Ricotta, die ich mit schlechtem Rotwein herunterspuele.

Morgens sieht er aus wie nach einer durchzechten Nacht, weil er extra wegen mir kaum gaschlafen hat, um mich nach seiner Nachtschicht in Catania abzuholen. Wir fahren in die Gole di Alcantara, einer Grotte voll Suesswasser und Wasserfaellen. Als ich mich schon in die eiskalten Fluten stuerze, muss er sich noch aklimatisieren, die Armeeausbildung macht hart, aber nicht unantastbar. Das Wasser ist so kalt, dass es schmerzt, aber nach einigen Zuegen spuert man den Kaeltescherz nicht mehr. Ich erzaehle ihm von meinen Erfahrungen mit den Evangelisten und wir freuen uns beide gemaessigt katholisch zu sein. Die Doppelmoral der Evangelisten, die mit dem Sex bis zur Ehe warten und ihn doch heimlich machen, bringt uns zum lachen. Die Katholiken haben sich mit den Regeln, die sie einfach nicht beachten, arrangiert. Wer Katholik ist, ignoriert die Kirchenmoral und bezeichnet sich dennoch als Katholik. Wir begehen freihaendig Suenden, weil sie uns vergeben werden. Faulenzerei, Traegheit, Wolllust, alles ist dabei. Die katholische Lebensart des dolce far niente habe ich akzeptiert und assimiliert und die protestantische Arbeitsmoral kann mich mal.


20.8.13 16:37
 
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