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Ein Kiez fuer Palermo


Der Abschlussbericht des Boards fuer nachhaltige Entwicklung des Industrieverbands Confindustria Palermo interessiert mich. Hierin werden die Herausforderungen der Metropole in den kommenden Jahren schonungslos aufgelistet. Die Confindustria nimmt nur Mitglieder auf, die sich keine Mafia-Straftaten zuschulden kommen lassen und suspendiert alle, die sich nicht daran halten. Der Bericht zeichnet eine nachhaltige Entwicklung nach, die aus einem funktionierenden Muelltrennungs- und Entsorgungssystem besteht - was aktuell eine brennende Problemlage darstellt, eine dezentralisierte Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen, ein funktionierendes Nahverkehrssystem - was momentan eine mittlere Katastrophe ist, man muss innerhalb der Stadt mehrfach umsteigen, um in den industriellen Norden zu kommen, die Metrotunnel werden gerade von wunderbaren Mafia-Bauunternehmern gebaut, die wenig Interesse daran haben, in absehbarer Zeit die Anlagen fertigzustellen, und natuerliche Einkaufszentren - also keine Glastempel, sondern Gebiete im historischen Stadtzentrum, die eine hohe Ladendichte aufweisen, weil sich lauter kleine, innovative Jungunternehmer trauen, ein Geschaeft zu eroeffnen - mit anderen Worten, Palermo braucht einen Kiez, der die hippen Jungunternehmer anzieht. Ein Kiez fuer Palermo.

Das ist momentan leider noch Zukunftsmusik. Die hippen Laeden der Jungunternehmer sind verteilt auf die gesamte Stadt, ein entspannter Einkaufsbummel in netten Schnuckellaeden ist nicht moeglich, da alles so weitlaeufig ist und es keine Fussgaengerzone gibt. Genau wie in Berlin wimmelt es in Palermo nur so von Oberalternativen, die sich jenseits des Hipster-Klischees ihre eigene Welt erfinden, sich Schlangen auf die Beine taetowieren lassen und mit laessigen Lederschlappen durch die verpesteten Strassen hasten. Abends treffen sie sich in der Vucciria, essen verbranntes Fleisch, rauchen eine canna nach der anderen und ziehen verkatert und vergiftet nach Hause. Die Energie dieser Leute in einem Kiez zu buendeln waere ein Traum und wuerde die In-Crowd Europas nach Palermo ziehen, fuer nachhaltige Entwicklung sorgen und die alten Mafia-Strukturen vertreiben.

Bislang wird aber noch an einer verlorenen Front gekaempft. Palermo ist eine der letzten Staedte Europas ohne Fussgaengerzone und mit kaum Gruenflaeche. Die Bausuenden der letzten Jahrzehnte, die die Mafia der Stadt angetan hat, machen Palermo zu il scempio, der Verunstaltung, die es heute ist. Seit drei Wochen gibt es fuenf neue Versuche, Autos aus Teilen der Innenstadt zu verbannen. Auf der piazza San Domenico stehen Panelen und kuenstlicher Rasen, hier soll bis zum Ende des Sommers eine Probefussgaengerzone sein. Nachts zerstoeren aufgebrachte Haendler, Mafia-posteggiatori, also die illegalen Parkwaechter und eine mitlaufende Meute alles, was auf diesem Platz aufgebaut wurde. Anwohner rufen die Polizei, aber die laesst sich nicht blicken. Die gesamte Stadt spricht am naechsten Tag von nichts anderem. Was wohl passiert waere, wenn das angrenzende Einkaufszentrum Il Rinascente angegriffen worden waere? Ob sich die Polizei dann auch so viel Zeit gelassen haette? Ich schlendere zwei Tage nach dem zerstoererischen Mob zur piazza und beobachte einige Polizisten, die ab jetzt dort zur Streife abgestellt sind.


Direkt daneben die Vucciria, alles ist feucht, man versucht, den Grillschmotz und Schneckenschleim der letzten Nacht von den Steinen zu waschen. Mit einem Antiquitaetenhaendler unterhalte ich mich ueber seine alten Fotos der Stadt. Er hat Bilder von Corleone und von Mordopfern und Mafiafamilien in Schwarzweiss. Verbrechervisagen, die jeden Sonntag in die Messe gehen.

Es ist Sonntag, ich frage meinen Vermieter im Scherz, ob er in der Kirche war. Er lacht lauthals und erzaehlt spaeter seinen Freunden von meiner Frage. Die Leute, mit denen ich wohne, gehoeren zu einer modernen Elite Palermos, die ihre Kinder auf die Waldorfschule schicken, wo sie deutsch und gute Manieren lernen und die kein Interesse mehr an papa Francesco und dem kirchlichen Segen haben. Ihm gehoert ein sagenhaftes Restaurant gleich bei der piazza San Domenico und er zahlt keinen pizzo. Addiopizzo will er nicht beitreten, er ist schon immer Mafiagegner, aber fuehrt seinen Kampf individuell, weil er den Glauben an jegliche Organisationen verloren hat. Er sagt, pizzo zu zahlen oder nicht, mache finanziell keinen Unterschied. Regelmaessig muss er zerstoerte Einrichtung oder Schaeden am Auto reparieren. Man kann von niemandem erwarten, dass er zum Helden wird, er versucht es wenigstens. Es gibt Tagliatelle mit passierter Tomatensosse und gebratenen Auberginen, dazu Weissbier.


Abends ein Kindergeburtstag, es ist fast schon Nacht und die Kinder spielen seelig im Hof unter der Bougainvilia. Drei Torten, kleine Appetizer, wie immer auf Sizilien Couscous-Salat und Farinata, Aprikosentarte, Saft fuer die Kleinen, Bitburger fuer die Grossen. Die hippe In-Crowd ist unter sich in einer Seifenblase, man traegt Jutekleider und Haarbaender, kauft Holzspielzeug aber Plastikgeschirr, isst vegetarisch aber laesst die Kinder mit den Kerzen und Lustballons zuendeln, der Rauch verpestet den Hof fuer einige Momente.


Mit einer neuen Freundin halte ich abends meine erste Yogastunde auf italienisch ab. Wir sind auf der Dachterrasse und es ist ein wunderbarer und intimer Moment, die Schmerzen, die sie von der Trennung vom Vater ihrer Kinder davontraegt, haben sich in ihren Ruecken- und Hueftmuskeln manifestiert. Viele subtile Dehnuebungen machen wir gemeinsam und ich weiche von meinem eigentlich Plan und den Poweryogauebungen ab zu einem sanften Programm fuer verletzte Seelen. Siamo tutti vittime d'amore. 

29.7.13 18:30
 
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