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Die Meerenge bei Messina, Taormina und Reggio Calabria


Eine Einladung zum Abendessen von zwei Touristen, die eine Addiopizzo-Stadtfuehrung mitgemacht haben. Das mafiafreie Restaurant serviert ein bemerkenswertes Menu mit antipasti, primo und secondo und dolce. Danach kann man nach Hause rollen. Dieses Abendessen ist in Italien kein Problem, weil man  praktisch nichts fruehstueckt, ich gehe immer in dieselbe Bar, weil ich dort mit dem huebschen Barista flirten kann, wo ich einen caffè macchiato und eine brioscia bestelle, mittags gibt es nur ein Broetchen oder ein Stueck Pizza, sodass man bis abends so ausgehungert ist, dass die vier Gaenge locker hineingehen. Caponatina, Pasta, Schwertfisch auf Kartoffelscheibchen und panna cotta. Das klingt nicht nur maechtig, das ist es auch. Normalerweise lasse ich das secondo aus und nehme statt dolce nur einen caffè.


Die beiden sind ebenso bemerkenswert wie das Essen. Ein weitgereistes Paerchen, mit dem ich gemeinsam ueber die Zukunft der NGO, in der ich arbeite, reflektiere und die mich auf das Risiko aufmerksam machen, dem ich mich aussetze. Am Tag danach loesche ich aus meiner Blogseite die genauen Ortsangaben und hoere auf, die Tueranlage im Buero zu beantworten. Wenn unten jemand klingelt, wird er einfach hineingelassen, auch wenn nicht genau verstanden wurde, wer da steht. Ab jetzt lasse ich nur noch hinein, wen ich bereits kenne und frage genauer nach.


Vor 21 Jahren wurden der Staatsanwalt der Maxiprozesse Paolo Borsellino und seine Leibwaechter in der via D'Amelio in die Luft gesprengt. Ein Akt der Gewalt, der in der Luft nachhallt, als zur selber Uhrzeit im Jahr 2013 eine Schweigeminute abgehalten wird. In der Stille des Wohngebiets, in dem sonst wenig passiert, gab es damals eine riesige Explosion, Staerkemessen und Machtbeweis der Mafia. An diesem Tag findet dort ein Kulturevent statt, Politiker und Staatsanwaelte, Hinterbliebene der Opfer und Schulkinder stehen auf der Buehne.


Doch die Vortraege sind duenn und ohne Gehalt. Ich treffe den Praesidenten von Mafia Nein Danke, einer Anti-Schutzgeld-Organisation, die in Berlin italienische Restaurantbesitzer betreut, die erpresst werden. Er raet mir, wenn ich ein Interview mit Leoluca Orlando wolle, soll ich ihn einfach ansprechen. Als ich mich dazu durchringen will, ist er weg und ich gehe stattdessen ins Gelatone, eine der beruehmtesten Eisdielen Palermos. Veganes Schoko- und Erdbeereis. Italiener haben mehr Talent als Deutsche in all dem Grauen des Alltags die haesslichen Seiten auszublenden und die kunterbunten zu betrachten.

Antonino kommt nach Sizilien. Wir sind eng befreundet seit er mich in Bari gerettet hat, wo schlechtes Wetter war, die Unterkunft unter aller Kanone und ich herumkraenkelnd im Zimmer versackt bin. Damals hat er mich in seine Stadt an der Amalfikueste mitgeschleppt und war so aufmerksam und lieb, dass ich die Begegnung nie vergessen werde. Mit seinen Freunden waren wir in Salernos bester Pizzeria - und das will dort, wo die Pizza erfunden wurde, etwas heissen. Ich fahre mit dem Fruehzug nach Messina.

Nach langem Hin und Her und der Suche nach dem richtigen Bus steige ich in den Regionalzug nach Olivero, wo er mit seinen Freunden am Strand abhaengt. Als ich ihn damals getroffen habe, war er in Bari, um einen Aufnahmetest fuer die Carabinieri zu bestehen, heute ist er im dritten Jahr in der Kaserne und macht mit seinen Carabinieri-Freunden Urlaub, der bei dieser Armee-Gruppierung rar gesaet ist. Er sieht anders aus, damals die Locken, heute ein erzwungener Kurzhaarschnitt, aber wir fallen uns in die Arme und knuepfen sofort dort an, wo wir damals unterbrochen wurden. 

Abends bringen sie mich zu meinen Bed'n'Breakfast, wo mir keiner die Tuer aufmacht. Die Jungs sind schon weg und ich habe wie es aussieht kein Dach ueber dem Kopf. In der naechsten Bar spreche ich den jungen netten Barista an, der mir sofort weiterhilft. Es hat gewisse Vorteile, ein junges nettes Maedel zu sein. Kurz darauf habe ich ein neues B'n'B, deutlich schoener gelegen und mit grossem Garten. Der Sohn der Signora kuemmert sich ruehrend um meinen Komfort. Diverse Katzen und zwei Hunde tummeln sich auf der Terrasse mit Blick auf den Strand und umgeben von Granatapfelbaeumen, Wein und Zitronella. 


Die Carabinieri holen mich abends ab und wir fahren nach Taormina. Im Auto sprechen wir ueber ihre Arbeit und die Verantwortung Carabiniere zu sein. Einer der Jungs findet die Befugnisse der deutschen Polizei angenehmer, da sie, wie er sagt, so gut wie nichts tun duerfen, bevor sie nicht direkt angegriffen werden. Die Deutschen haben auch viel mehr Respekt vor einem Polizisten, weil sie mehr Angst haben, wie er meint. Ich berichtige, dass die Deutschen nicht mehr Angst, aber dafuer deutlich mehr Vertrauen in ihren Staat haben und daher respektvoller agieren. Taormina, ein Traum aus einer anderen Zeit, eine Stadt in der Hoehe, mit Treppen ueber Treppen, die mit Bartischen und Stuehlen zugestellt sind.


Nach einer ermuedenden Suche nach einem Restaurant verbleiben wir in einer mittelmaessigen, dafuer teuren Pizzeria. Wir trinken Bier, so macht man das in Italien, wenn es Pizza gibt. Drei weitere Carabinieri sind gekommen, einer in weiss, einer in rot und einer in gruen. In einer Bar aergere ich mich ueber die enormen Preise, selbst die Cola kostet fuenf Euro und bin begeistert von den Manieren der Jungs. Ich fuehle mich wie in den 60er Jahren, Antonino laesst mir stets den Vortritt, oeffnet mir die Autotuer, bevor ich sie unbedacht selbst aufreisse und gibt mir das Getraenk aus. Manchmal ist es schoen, unemanzipiert zu sein. Auch er hat meinen sprachlichen Fortschritt bemerkt, was mich sehr freut. Obwohl er nur einmal in Berlin war, ist er seit er mich kennt, derart fasziniert von der deutschen Kultur, wir sprechen mehr als einmal von Bierbrauerein, Masskruegen und Biersorten. Er will zur naechsten Bergkirchweih anreisen, weil er dann in Florenz kaserniert sein wird. Um fuenf Uhr morgens sinke ich in mein Bett.


Ich schlafe zu lange, der Tag ist verspurt und ich mache nichts, aber es ist ja auch Sonntag und kein Bus faehrt mich ins Stadtzentrum. So bleibt mir nichts anderes als herrlicher Muessiggang, ich kaufe eine Zeitung und lege mich an den Strand, der direkt vor der Haustuer beginnt. Nachts sind wir an der Faehreablegestelle verabredet. Wir nehmen die Faehre nach Kalabrien, Reggio Calabria, mit einem der schoensten Lungomare der Welt.


Die Carabinieri-Jungs wollen sich statt einem Abendessen einen Eisbecher mit brioscia reinhauen, was sie auch tun. In einer Diskothek, wo nur oberspiessige Machos und Tussis abtanzen, strudeln wir auf die Tanzflaeche und es wird eine der oedesten Naechte, die ich in einer Disko verbringe. Diese Jungs sind derart gedrillt, dass alle aufgehoert haben zu rauchen und sich selbst in der Disko kein Bier genehmigen. Die Kontrolle findet ihren Hoehepunkt, als zwei Maenner etwas naeher an mich herantreten und ganz normal tanzen. Einer der Jungs gibt sofort Antonino den Auftrag, dass er mich von ihnen wegziehen soll, um Probleme zu vermeiden. Aber wie kann man Probleme vermeiden, wo gar keine sind? Die Armee hat bei den Jungs ganze Arbeit geleistet. Einen guten Freund wiederzusehen ist Balsam fuer die Seele, egal in welche Disko man dabei geht. Zwei baci fuer alle und der Traum ist vorbei.


Als ich am naechsten Tag wieder in Palermo meine E-Mails checke, ist dort eine Terminbestaetigung fuer mein wissenschaftliches Interview mit Orlando, dem Buergermeister Palermos im Postfach.

22.7.13 18:59
 
Letzte Einträge: Der Ashram, Ein Albtraum ohne Erwachen


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Herzblatt (25.7.13 14:27)
Tolle Bilder, schöne Anekdoten und wie immer scheinst du ja mal wieder viel zuviel Spaß zu haben...am liebsten gehst du ja mit dem Antonino auf ein Panino...


Leander (4.8.13 19:09)
Ich freue mich sehr, wieder von dir zu lesen und wünsche dir, dass du dieses Abenteuer gut überstehst. lg

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