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Kriyayogah

Yoga ist eine seltsame Wissenschaft, in die ich mich seit zehn Jahren verliebt und verschrieben habe. Gerade die schrulligen esoterischen Spinnersachen gefallen mir.
 
 
 
Wir machen eine Kriya. Kriyas sind spezielle yogische Reinigungsuebungen. Die Gruppe angehender Yogalehrer stellt sich an und alle nehmen von einem angezapften Fass gesalzenes Wasser mit Zitrone. Sie trinken, bis sie nicht mehr koennen. Dann machen sie fuenf Asanas, also Yogauebungen, die das gesalzene Zitronenwasser schoen in die verschlungenen Winkel des Darmes spuelt. Alle turnen auf der Terrasse herum, der Ganges rauscht vorbei. Baum, Drehsitz, gedrehte Kobra, Suxma Vyayama. Dann wieder trinken. Nach 20 Minuten rennen die ersten zur Toilette. Erst entleert sich der Darminhalt, dann laeuft Wasser in den Darm und kommt, bei Vollendung, als reines Wasser aus dem Anus heraus. Ich stehe heute nur daneben - reines Wasser aus dem Anus? Das hatte ich eine volle Woche, ich bin also Expertin in dieser Kriya und habe bereits einen tiefengespuelten Darm.
Dann essen alle Kichary. Das ist so eklig, nachdem man es einmal gegessen hat, wo es komischerweise noch schmeckt, dass ich es kaum beschreiben kann. Viel Ghee, also der indische Butterschmalz, eine gelbe breiartige Masse aus Mungbohnen und Reis mit Gewuerzen. Wenn ich das Zeug nochmal bekomme, drehe ich durch. Abends macht der Koch zum Glueck fuer diejenigen, die nicht an der Kriya teilgenommen haben, Kartoffeln, Erbsen und Paneer mit Gewuerzen, das ist nahrhaft, waermend und unheimlich lecker.
Und ueberhaupt das Essen. Morgens um acht gibt es suessen Chaitee mit Milch, das ist wie zu Kindertagen, wenn es Kakao gab. Dann als zweites Fruehstueck Banane, Papaya und Apfel, oft mit Honig und Erdnuessen, manchmal auch mit Yoghurt. Ich habe mich ein wenig in den Koch verknallt, weil er so gut kochen kann und sich immer so herrlich viel Muehe gibt. Es schmeckt einfach immer. Es gibt jeden Tag Reis und Chapatti-Brotfladen, die er selber zurechtwalkt und ueber der offenen Flamme braun baeckt. Dazu fast immer Dhal, eine Linsensuppe wahlweise aus gelben Tellerlinsen, Mungbohnen, braunen Linsen und Tomate. Dazu Gemuese in Currysosse oder Paneer, der gute tofuaehnliche indische Sahnekaese. Alles immer gut abgeschmeckt, das Gemuese in reichlich orange gefaerbtem Gewuerzoel, das vom Reis aufgesogen wird. Paneer Masala schmeckt am besten, es ist weisses Paneer in der besten gelben Sosse, die ich je gegessen habe. Sie muss mit Kokosmilch sein und vielen gelben Gewuerzen. Tumeric, Koriander, Zitronengras. Manchmal auch Zitronengrassuppe, Kuerbissuppe, Rote-Beete-Suppe. Es ist zum Darinschwelgen.
 
 
 
Ich mache dem netten Koch Komplimente, er lacht, wie nur Inder lachen koennen und freut sich immer. Er verspricht uns fuer Sonntag ein besonderes Abendessen. Matta Paneer, Auberginenmasala? Man kann gespannt sein.
Ich mache eine weitere Kriya mit. Ich nehme dazu mein Netikaennchen, fuelle es mit warmem Salzwasser und lasse die volle Ladung von einem Nasenloch ins andere laufen, den Kopf schraeg, das Maul bloede geoeffnet. So stehe ich ueber dem Abwasserkanal und kanalisiere meine Rotze gemeinsam mit dem Japaner, der Chinesin und der Kanadierin. Der Inder macht es vor. Eigentlich ganz angenehm im Nachhinein. Dann nimmt der Inder einen dicken Faden, der an der einen Seite gewachst ist. Er taucht ihn in Ghee und steckt ihn sich in die Nase. Weit schiebt er ihn hinein, oeffnet den Mund, wuergt Schleim, hustet und grunzt und zieht schliesslich den Faden aus dem Schlund heraus. Ich nehme meinen Wachsfaden und stecke ihn mir tief in die Nase. Ich niese und habe Antireaktionen und schiebe schliesslich 20 Centimeter dieses Fadens in mich. Aber die schleimige Rueckholaktion schaffe ich nicht (zu meiner Genugtuung: der Japaner auch nicht). Tiefengereinigt in der Nasenhoehle kaufe ich mir noch einen indischen Zungenschaber aus Metall um heute Abend noch weitere Schlundreinigungen durchzufuehren. Dann kann man besser meditieren.
2.9.12 11:51


Der Ashram

Morgens werde ich oft wach durch seltsame Geraeusche. Das normale Rauschen der Mutter Ganges nimmt man irgendwann nicht mehr wahr, das Fliessen von Wasser, in das hinein Abwaesser, Faekalien, Chemikalien geleitet werden und in das man tote Kuehe aus Respekt vor ihrer Heiligkeit wirft, so lange, bis sich das verehrte Gewaesser von Menschenfett und Haaren, von Verwesendem und Verrottendem bis nach Varanasi in reinen Schmierenschlamm verwandelt hat. Immer, wenn etwas im Ganges treibt, sieht es fuer mich aus wie der Ruecken einer toten Kuh, schwarz angelaufen.
Aber an meinem Verandafenster laeuft jemand vorbei, der diesem Rauschen noch mehr hinzufuegt, es ist ein Aechzen und Stoehnen, als wuerde sich jemand langsam und qualvoll uebergeben. Zwischendrin wird Schnodder hochgerotzt und ueber den Zaun auf den Gangesstrand gespuckt. Es ist so ekelhaft, dass ich die Verursacherin aus Respekt vor alten Leuten gar nicht nennen will. Es ist die Mutter des Yogagurus, die auch mit im Ashram weilt. Sie traegt lilane Klamotten, einen Rock, eine Bluse und einen Schal und schlurft mit viel Zuverlaessigkeit durch die Gaenge, um zu aechzen, zu stoehnen, zu keuchen. Sie nimmt ihren Job sehr ernst. Ich kann sie nur noch naughty Grandma nennen, dieser Name taucht immer wieder in meinem Kopf auf.

31.8.12 23:43


Auf der Hoehe

Abends stolpere ich am Atemyogalehrer vorbei. Ein erhabener Suedinder, der so viel Aura hat, dass man ihm glaubt, dass er mit Atmen alles heilen kann. Er bietet mir einen Platz an seinem Tisch an und stellt mir grinsend eine Metalltasse voll halbdurchsichtigem Sirup hin. Das trinkt man in Suedindien, erfahre ich, und aller Durchfall geht vorueber. Der erste Schluck ist wie Feuer in Mund und Rachen, es ist so suess und laeuft so klbrig und langsam nach unten in meinen Magen, der seit drei Tagen keine Nahrung mehr gesehen hat, dass ich fast wuergen muss. Auch die naechsten Schlucke sind nicht angenehmer. Da er mir mit grossen starken Augen gegenuebersitzt und mich dabei fixiert, muss ich die Honigbruehe austrinken. Nach drei Schlucken kommen die Traenen in meine Augen und ich muss zwischem jedem Schluck laut schluchzen um es auszuhalten. Einer der anderen Yogaschueler kommt vorbei und sieht mich weinen und abwesend dasitzen, den Blick im Nichts. Immer mehr Traenen laufen ueber mein Gesicht und er fragt mich aus, wie es zu diesem Zustand kommen konnte. Es gibt kein Halten mehr, alles kommt heraus, nach der internen Reinigung durchlebe ich eine mentale Reinigung, da ich mir Dinge von der Seele rede, die ich sonst keinem Bekannten erzaehlen wuerde. In Indien ist Weinen kein Zeichen fuer Schwaeche, sodass ich am Schluss umringt vom Atemyogalehrer, vom Yogasutralehrer und vom anderen Yogaschueler in einer normalen Unterhaltung ende. Meine Laune hellt sich wieder auf. Am naechsten Morgen dennoch - der erste Gang des Tages ist der ins Badezimmer. Der entfastete leere Verdauungstrakt bringt es auf, dass Wasser schussartig herauskommt, ich halte es nicht mehr aus. Ich gehe zum Atemyoga, aber kann nicht aufrecht sitzen. Daher frage ich den Guru, ob er mich ins Krankenhaus bringen kann. Klar kann er das, es gibt ein gutes Krankenhaus in Rishikesh, ich soll mit Arik, einem der Hausangestellten mitgehen, der mich hinfaehrt. Arik ist 16, immer westlich chic gekleidet und traegt einen coolen Haarschnitt und eine Sonnenbrille. Er hat natuerlich keinen Helm und keinen Fuehrerschein und ich setze mich zum ersten Mal in meinem Leben auf ein Motorrad. Los geht die Fahrt, man hupt, wenn man ueberholt und man ueberholt als Motorradfahrer einfach alles, Fussgaenger, Autos, Kuehe. Eine dreht ihren Kopf mit den Hoernern gerade in dem Moment, als wir an ihr vorbeipesen, ich erschrecke und ziehe den Fuss weg, Arik lacht mich aus. Why are you so scared? Ueber die grosse Bruecke Laxman Juhlla hinein ins Stadtzentrum von Rishikesh. Ich fahre mit geschlossenen Augen durch die Hauptstrasse mit, weil es so staubt. Das Krankenhaus ist ein Ashramkrankenhaus. Ich bin die einzige Weisse und werde von allen Maennern angestarrt, deswegen senke ich den Kopf, um es ueber mich ergehen zu lassen, was jetzt geschehen soll. Erst zur Anmeldung. 30 Rupien fuer die aerztliche Behandlung, das sind 43 Cent. Der Doktor sieht vertrauenserweckend aus, er nimmt mich aus dem normalen Behandlungszimmer heraus, das natuerlich immer offen steht und in dem sich keiner darum schert, ob alle die erzaehlte Krankengeschichte der Patienten mitanhoeren koennen. Ich als Auslaenderin erhalte also Sonderbehandlung. Das Zimmer ist hell und sauber. Er drueckt meinen leeren Bauch, besieht meine Zunge, fragt nach Urin und Waessrigkeit und schreibt mir drei Medikamente auf, dazu ein Pulver zur Darmsanierung. Arik holt mir die Medikamente, sie kosten etwa zwei Euro. Auf den Paeckchen zur Darmsanierung steht Electral Energy Drink. Und zurueck aufs Motorrad, ich bitte Arik, nicht ueber die Hauptstrasse zu fahren. Ich werfe im Heimashram die Pillen ein. Orange, weiss und die dritte eine Kapsel, eine Seite gruen, die andere durchsichtig, in ihr sind Kuegelchen in orange und gruen. Also herunter damit. Nach gerade einmal einer Stunde kehrt die Energie in meinen Koerper zurueck. Ich bin auf dem schnellsten Weg der Besserung.
28.8.12 14:55


Fieber und Regen und Regen

Das Monsunfieber steigt abends noch einmal hoeher, auf ueber 39 Grad. Ich frage den ayurvedischen Doktor, was ich tun koenne und er empfiehlt mir Dschungelkraeuter. Dazu soll ich den Rezeptionisten bitten, sie mir aus der Apotheke mitzubringen, wenn er abends zum Markt geht. Er tut es widerwillig und versteht mich absichtlich falsch. Erst verliert er den Zettel, auf dem ich ihm die Medikamente notiert habe, dann muss er an der Rezeption bleiben und kann nicht weg, dann bringt er mir von den zwei verordneten nur eines mit, damit ich kein Geld verschwende, wie er sagt. Er sieht mich dabei mit festem Blick an und fragt mich, ob ich ihm nicht vertraue. Mit fiebrigem haemmerndem Kopf lasse ich mich ins Bett fallen und nehme die Gruselmedikamente, sie sehen aus, wie man sich indische Dschungelmedikamente vorstellt, in einer reudigen Verpackung mit wenig englisch und fast nur Hindi in der Beschriftung und die Tabletten erinnern an getrockneten Dung. Sie schmecken nach reinem Gift, bitter, so bitter, dass man sie kaum herunterspuelen kann.
Am Morgen darauf - ist das Fieber verschwunden. Mit Erleichterung stehe ich auf um mich dann im Bad doch wieder unschoen zu erleichtern. Feste Nahrung wird zu reiner Fluessigkeit in meinem Koerper und er spuelt sie mit viel Geschwindigkeit aus. Ich esse Banane mit Kokosnusspulver. SIe bleibt das erste Mal seit Tagen etwas laenger in mir.
Am Abend Reiki mit dem Philosophielehrer. Bei einer Partneruebung legt die schoene Franzoesin mit grauen Haaren und sonnengealtertem Gesicht mir ihre Haende auf die Stirn, das Herz, den infektioesen Bauch, die Knie, die Fuesse. Als sie mein Herz beruehrt, laufen mir die Traenen an den Wangen herunter. Mit ihren Haenden auf den Fuessen habe ich den drogenaehnlichsten Farben- und Gedankenrausch im Kopf seit langem. Mit etwas weniger wundem Bausch stehe ich auf und frage mich, wie weit das noch gehen soll mit dieser Spiritualitaet, vor der ich mich bislang eher ferngehalten habe.
24.8.12 10:49


Salat mit Sprossen

Ich steige mit zwei anderen Yogaschuelern eine Seitenstrasse hinauf. Es ist erstaunlich, denn man laeuft wenige Meter und fuehlt sich, als waere man im tiefsten Dschungel. Das Pyramidencafe wollen wir erklimmen. Eine Bananenstaude steht an der Seite, eine Gangesquelle rauscht an uns vorbei. Wir gehen an einer heiligen Kuh vorbei, die uns den Weg versperrt und betreten ueber improviesierte Bretter und eine kleine Dauerbaustelle das Cafe. Ich habe mir den Nacken verrenkt oder besser gesagt unterkuehlt, als ich mit nassen Haaren und Ventilator geschlafen habe. Jetzt ist jede Bewegung mehr als schmerzhaft und ich kann kaum den Kopf drehen.
Der Entschluss, heute nur makrobiotisch und basisch zu essen steht fest und so bestelle ich einen Salat aus Karotten, rohen Schnibbelbohnen, Mungsprossen und komischen Dschungelkraeutern, dazu gedaempftes Gemuese. Das soll gut sein, um den Nacken zu lockern, wird mir im Yogazentrum von diversen spinnerten Esoterikern gesagt, aber auf von Ayurvedatherapeuten. Es war wohl die schlechteste Entscheidung bisher, denn ich wache am naechsten Tag mit komischem Magen auf und kann mich am uebernaechsten Tag nur noch mit Muehe ins Bad schleppen um alles von mir zu geben, was ich seitdem in mich gegeben habe. Es ist sehr anstrengend und macht Kopfschmerzen. Die spinnerten Esoteriker, die hier mit mir dieselber Ausbildung absolvieren, reichen mir von allen Seiten Globuli und fragen mich ins Detail zu meiner Monsun-Diarrhoe aus, das ist hier ein ganz normales Thema, weil es jeder irgendwann hat und manche es immer wieder erwischt. Immodium in den Rachen, Perenterol, Elektrolyte und diverse Globuli spaeter ist es immer noch nicht vorbei, ich liege abends fiebernd im Bett und moechte sterben, ein sehr unyogischer Gedanke. Wir sind hier eine Gemeinschaft der Magen-Darm-Kranken, alle fragen mich, wie es mir geht, der Meister fuehlt meinen Puls und empfiehlt mir fuer heute Papaya, Banane und Schwarztee. Keinen Yoghurt, denn mein Koerper braucht das Fieber, um sich selbst zu reinigen und heilen und Yoghurt kuehlt. Die Morgenmeditation lasse ich aus, ich schleppe mich zum Yoga, zumindest nur noch mit 37,8 Grad und halte es kaum aus in den meisten Positionen. Mittags esse ich Reis mit einem Miniloeffel Curry, was fuer eine Wahnsinnsabnehmkur.
Wie soll ich eigentlich meinen eigenen Anblick im Spiegel ertragen, mein Gesicht ist seit einer Woche ungeschminkt und ich lasse mir die gezupften Augenbrauen nachwachsen, ein trauriges kleines Gesicht mit muede herabhaengenden Haaren ist das Ergebnis. Als ich die Elektrolyte kaufe, werde ich uebel uebers Ohr gehauen, die verlangen das doppelte - Regenschirme werden eben umso teurer, wenn es regnet, wie mir meine Zimmernachbarin erlaeutert. Was fuer ein Elend.
Ich lerne immer nur durch Schmerzen. Ab jetzt entscheide ich mich doch fuer mehr Vorsichtsmassnahmen, Zaehneputzen mit Filterwasser anstatt wie bisher mit Leitungswasser, kein rohes Gemuese mehr, Obst nur noch im Ashram, nicht mehr ausser Haus. Mehr Haendewaschen, Desinfektionsmittel in der Tasche und jeden Abend Mueckenschutz, was ich im Pyramidencafe auch vernachlaessigt habe und deswegen ueberall dick geschwollene Moskitobisse davontrage. Ich bin zu unvorsichtig und naiv.
24.8.12 11:01


Peinlich berührt

In Rishikesh Laxman-Juhla gibt es eine Hauptstrasse, auf die sich mein Leben reduziert. Darin gibt es eine Touristenklitsche nach der anderen, die hauptsaechlich diese unmoeglichen Klamotten verkaufen, mit denen alle westlichen Indien-Reisenden zurückkommen. Richtige Saris oder Panjabis bekommt man hier nicht. Die muss ich irgendwie anders suchen. Ich laufe durch die Straße am Ganges entlang, der durch den Monsun enorm angestiegen ist, zur Laxman-Juhla-Bruecke, die ich ueberquere. Viele Hindu-Pilger sind unterwegs, die meisten traditionell herausgeputzt, wenige Jugendliche in pseudeamerikanischer Mode, also in geschmacklosen Jeans und komischen Turnschuhen, die hier wegen der tropischen Hitze und der Kuhscheiße voellig ungeeignet sind. Im Gesicht mancher eitler Dame zeichnet sich ein komisches Muster ab, wenn die Bleichcreme für hellere Haut wohl zu oft aufgetragen wird. Männer vom Dorf erkennt man an ihrer besonders dunklen Hautfarbe und daran, dass sie mit ihrem Handy dicht an mich herankommen, um Fotos und Filme zu machen.

Abends lasse ich mich ayurvedisch massieren und frage den Masseur, warum sie das machen. Laut seiner Aussage kennen diese Männer weiße Frauen nur von einschlägigen Filmen und so wollen sie auf ihrem Handy ein selbstgemachtes Filmchen zum Weiterzeigen drehen, in dem ich die Hauptrolle spiele. Die meisten Inder glauben nämlich, dass alle Frauen im Westen sich so gebärden haetten.

Ich bin mal wieder hereingefallen. Man kann sich als Frau einfach nicht einfach nur nett mit einem Mann unterhalten.


Der nette Masseur Sietuh will nach der Massage einen Chai mit mir trinken. Ich bin eigentlich immer noch ein wenig peinlich beruehrt von der Massage, im wahrsten Sinne des Wortes. Alles faengt damit an, dass ich nicht damit rechne, meine Hose auszuziehen und deswegen meine Unterwaesche nicht daran angepasst habe. Beschaemt lege ich mich mit einem knappen Höschen bekleidet auf den Bauch. Nachdem der Ruecken durchgeknetet worden ist, geht es an den Beinen weiter - der naechste peinliche Moment, da ich hier keine Lust habe, meine Beine zu rasieren. Dann auf den Ruecken legen und sich den Bauch massieren lassen. Er bittet mich wegen des vielen Öls das Bikinioberteil abzustreifen.

Ich lasse die Augen geschlossen um die Peinlichkeit und Scham weniger zu spueren. Danach will er unbedingt einen Chai mit mir trinken. Ich verstehe nicht sofort, dass das so viel heißt, wie bei uns einen Kaffe trinken zu gehen und lehne nicht ab. Am Schluss bleibt es zwar nur bei einem Guavesaft, aber er fragt mich lauter komische Sachen. Erst erzählt er von seinem Laden und wie toll er läuft. Er fragt, ob ich nicht bei ihm zum Mittagessen kommen will, weil er mich doch mit seinem Motorrad mitnehmen könnte. Es ist wirklich zu schade, aber Männer und Frauen können einfach nicht normal miteinander reden.

24.8.12 10:45


Ein Albtraum ohne Erwachen

Ich steige uebernaechtigt in Delhi aus, wo ich mich sofort in eine tropische Klimawolke eingehuellt fuehle. Eine Stadt mit 15 Millionen Einwohnern und der sie umgebenden Kaeseglocke aus Smog. Es ist sehr frueh, das Leben erwacht in der Stadt. Ich steige bei einem Mann mit geoelten Haaren in einen Wagen, in dem ich mich als Deutsche natuerlich sofort anschnallen will. Der Fahrer hat ab und zu den Gurt um, auf seiner Rueckbank jedoch hat er diesen zwar drangelassen, dafuer aber den Einstecker abmontiert. Los geht die Fahrt aus Delhi heraus, es riecht so, wie Disneys Dschungelbuch aussieht, ueberall stehen Platanenbaeume und andere riesige Stauden. Wir fahren an einigen kleinen Siedlungen vorbei, die dicht an dicht neben Tempeln oder modernen Buerogebaeuden vor sich hin modern und diesen Geruch nach Dschungel und den Geruch nach alten Obstschalen verbreiten. Der Fahrer sagt etwas zu mir - ob es wichtig war oder nicht, ich werde es nie erfahren, denn sein Englisch reicht noch soweit, dass er ein paar wenige Saetze auswendig kann und den Rest auf Indisch plaudert. Irgendwie ist er aggressiv und da wir nicht kommunizieren koennen, bekomme ich etwas Angst, wo er mich hinbringt. Wenn ich ihn frage, versteht er mich nicht.
Autofahren ist hier auch ein besonderes Erlebnis. Man hupt aus Hoeflichkeit bei jedem Auto und jeder Rikscha und jedem Roller, wenn man ihn rechts oder links ueberholt, das scheint egal zu sein. Sowieso hupt man einfach immer, egal was man macht, sobald man andere Menschen wahrnimmt oder auch bei Kuehen, die ueberall am Strassenrand herumstehen, auch in Delhi. So verlassen wir hupend und ueber dutzende Irrfahrten die Stadt, an jeder Ampel fragt der Fahrer bei Rollerfahrern und Maennern in langen Saris in bunten Farben nach, wohin es weitergeht. Nicht sehr vertrauenserweckend. Es ist wie in einem Albtraum mit lauter Flashbacks, ich schlafe auf der Rueckbank immer wieder ein um dann wieder mit noch trockenerer Kehle wieder zu erwachen und festzustellen, dass ich bei einem crazy Fahrer im Taxi sitze und durch noch ein indisches Dorf gefahren werde. An der Taxituer steht zu allem Ueberfluss noch gross "Tourist", sodass auch wirklich jeder letzte Hinterwaeldler hier neugierig mein blasses Gesicht mit den hellen Wimpern und Augebrauen anschaut. Mir kommt der Begriff Weissbrot in den Sinn, ich war noch nie so weiss wie heute.
Mir scheint, dass mein Fahrer das Mautgeld fuer sich behalten will. Noch nie habe ich fuer 200 Kiometer laenger gebraucht, ich bin mit ihm von sechs Uhr morgens bis halb eins Mittags unterwegs. Er haelt an und fragt mich etwas auf einer mir unbekannten Sprache. Wenn ich nicht verstehe, wird er etwas wuetend. Er will Chai trinken, verstehe ich irgendwann. Ich bitte um Wasser, weil ich auf der Rueckbank in der Hitze langsam vertrockne, er hat zwar die Airconditioning an, laesst aber alle zwei Minuten das Fenster herunter umd den schlechten Tabakgeschmack auszuspucken. So gesehen koennte er sie auch auslassen. Wir fahren endlich weiter. Er macht ein interessantes Manoever, bei dem er verkehrt herum in eine mehrspurige Einbahnstrasse einfaehrt, weil er so schneller zu einem kleinen Restaurant kommt. Ich bin fassungslos, dass er jetzt erst mal in Ruhe fruehstueckt und mir das nicht einmal mitteilen kann. Irgendwann kommt der Restaurantmanager mit ihm zusammen heraus und fragt mich, ob ich nicht essen will. Nach meiner inneren Uhr ist es etwa sechs Uhr morgens und ich habe nicht geschlafen. Ein innerer Zusammenbruch, ich hasse den Fahrer nur noch, sehr unyogisch und schlecht fuer mein Karma.

 Nach einer gefuehlten Ewigkeit erreichen wir Rishikesh.

Grossartig, eine Stadt am Ganges mit einem wichtigen Hindutempel, es ist gerade Pilgerzeit und Frauen in bunten Glitzerkleidern, die um sie herumwallen, laufen barfuss durch die Strassen und weichen absolut entspannt den hupenden Autos aus, die an ihnen vorbeidonnern. Es scheint nicht unschicklich zu sein, auch als aeltere Dame mit einem wallenden Rock, einem langen Schal und einem bauchfreien Shirt herumzulaufen, egal wie dick der Bauch ist, der dabei hervorblitzt. Maenner oft in weiss, eine lange Hose und ein langer Ueberwurf ist eigentlich Pflicht, nur niedere Kasten tragen Shorts und T-Shirt. Dazwischen Kuehe, die unendlich langsam herumtrotten. Oder sind es nur meine europaeischen Augen, die dieses Klischee wahrnehmen?
Ich werde etwas unsanft aus dem Taxi geworfen und da ist sie, die Laxmanjuhlla-Bruecke, die erhaben ueber dem Ganger schwebt, von Bergen eigerahmt und in tropische Monsunwolken eingehuellt. Dieses Jahr hat der Monsun den Norden hart erwischt und bleibt dafuer im Sueden aus. Ich laufe ueber die Haengebruecke und halte meine Tasche fest, damit die Affen und Aeffchen sie mir nicht klauen, mit gehetzten Augen schauen sie die Passanten an und warten auf Maiskoerner. Auf der anderen Seite ist mein Ashram, den ich durch Nachfragen finde und schuechtern betrete.
Mein Zimmer - wunderbar, ohne Strom, eine Nasszelle, ein hartes Bett und ein nachts zirpender Gecko. Harte Betten und Sitzgelegenheiten sind, wie ich lerne, good for everyone. Tatsaechlich schlafe ich darauf erstaunlich gut und diese Art der Askese gefaellt mir. Ich werde in einen Saal hineingeschoben, wo lauter Westler, die auf der Suche nach Erleuchtung sind, um den Meister Mahesh herumsitzen, alle haben Blumenketten um den Hals und werfen Bluetenblaetter und Erde in ein zentrales Feuer. Maesh und ein anderer chanten ein Mantra nach dem anderen und ich setze mich dazu und werfe auch.
Ich falle abends in mein Bett und hoffe, die Morgenmeditation nicht zu verschlafen, die um sechs Uhr beginnt.

Ich wache um fuenf vor sechs auf. Ab in den Saal.


10.10.12 16:42


Den Zopf heute quer

Eine gefüllte Zeit liegt vor und hinter mir. Lernzeit, Prüfungszeit, Zeit um nach Hause zu fahren. Und dann abends packen. Wieder einmal leihe ich mir den grauen Rucksack, dessen obere Naht aufgerissen ist. Wenn ich ihn zurückgebe, sollte ich sie genäht haben. Ich stopfe alte Handtücher hinein, wenig Kleidung, darunter eine Hippiebluse meiner Mutter, wollweiß mit roter Stickerei und wunderbar unförmig. Dazu Mittelchen aller Art, viel für den Magen-Darm-Trakt, etwas gegen den Jetlag, den ich morgen haben werde, eine halbleere Zahnpasta. Ich liebe es, mir im Ausland eine unbekannte Marke zu kaufen, gerne in Knallfarben, gerne mit Schrift, die ich nicht lesen kann. Den Zopf flechte ich mir heute quer am Kopf, damit ich mich im Flugzeug anlehnen kann. 

Un tempo pieno davanti e dietro a me. Pieno di studiare, pieno di esami, un tempo per ritornare a casa adesso. La sera preparo un'altra volta il mio zaino enorme che ho già rotto un pochino. Metto dentro le mie cose, ma tutte minimalistiche. Una camicetta di mia madre degli anni settanta, del suo tempo savaggio, bianca con un ricamo rosso. Mi faccio una treccia francese. E lascio la casa mia per un'altro viaggio. 

14.8.12 09:08


Schwarzer Flimmer


Ein kleiner Anschlag auf mein Haus. Die Plastiktonnen und der Gartenzaun brennen abends bis auf die Skelette herunter, übrig bleibt ein winziger gelber Rand der einen Tonne, alle Müllsäcke daneben komplett verbrannt, leere Konservendosen liegen trostlos herum. Der Holzzaun weggebrannt, die Plastikplättchen der danebenstehenden Briefkästen sind in diese hineingeschmolzen. Die Gebrauchsanweisung des Feuerlöschers liegt noch im Treppenhaus. Was für ein seltsames Bild. Und wie können die Tonnen in Brand geraten sein?


Nach großen Medienberichten fühlen sich immer einige angestachelt, ihr zuvor gehegtes Vorhaben umzusetzen. Kann es wirklich sein, dass jemandem mein Multikultihaus ein Dorn im Auge war und kriminelle Energie ausgelöst hat? Wie viele V-Männer (das V steht für Vollidioten) wohnen in Zittau und beobachten Kinder anderer Hautfarbe mit aufglühendem Zorn im Bauch, der sie dazu treibt, Mülltonnen in Brand zu stecken, der auch auf die umliegenden Häuser hätte überschlagen können? Morgen will ich den restlichen Müll und die vielen schwarzen Flimmerpartikel zusammenfegen und bei meinen lieben Nachbarn klingeln.


19.11.11 15:53


Aufmerksamkeit

Müdigkeit überfällt mich. Dazu ein leichter Anflug von Kältekrankheit, der mich zwei Nächte lang den nötigen Schlaf kostet. Nicht überraschend nach den letzten Wochen. Irgendwann liegt man am Boden. Schade nur, dass es die Angewohnheit aller Deutschen ist, gerade in den letzten beiden Monaten des Jahres noch mehr zu arbeiten als sonst. So bleibt zum Ausruhen keine Zeit, diesem deutschen Gesetz unterliegt auch mein universitäres Institut.

Statt aber wirklich effizient zu arbeiten, vertrödele ich meine Zeit, mache alles ganz langsam und entwickle neue Interessen. In einem Aquarianerforum erfahre ich, dass meine Fische eigentlich auch gerne Pflanzen haben wollen. Also mehr Beckenbewuchs, aber auch Salat und Gurke nebenbei, höchstens zwei Tage im Becken liegen lassen, sonst belastet es die Wasserqualität. Und am besten Bio wegen Nitrat. Über so etwas macht man sich immer dann Gedanken, wenn der Geist Ablenkung sucht. Aber umsetzen werde ich es.

Mein eigener Yogakurs ist greifbar nahe. In zwei Wochen könnte er starten. Bis dahin muss ich mir noch Gedanken darüber machen, was genau Flow Yoga bedeutet und wie viele Schäflein ich dabei noch im Griff haben kann. Grenzenlose Aufregung positiver Art.

Ich bemerke, dass das die Konfrontation mit dem Tod keiner längerfristig erträgt, Am Telefon mit einem Freund wechselt er das Thema und ich beobachte mich auch selber dabei, dass es schwerer fällt, darüber mit meiner Familie zu sprechen. Irgendwann reicht es scheinbar und wer lebendig ist, will lieber über das Leben sprechen. Da ich genau das gleiche bei mir selber sehe, kann ich es niemandem übel nehmen.

Die Welt dreht sich wie ein Kreisel um mich. Seltsam, dass Rilke dazu meint, in Zeiten der Traurigkeit sei man besonders aufmerksam für das, was um einen geschieht. Ich fühle mich momentan eher wie in Watte gehüllt. Ich werde aufmerksam bleiben, um nicht zu verpassen, dass vielleicht doch noch aufmerksam werde, was meine Umwelt angeht. Andererseits stimmt es doch. Ich mache mir Gedanken darüber, wie alles Lebendige ständig im Fluss ist, Symbole der Vergänglichkeit umgeben einen besonders im November überall. Wenn ich mich im Plenum meiner Lehrveranstaltungen umblicke, fällt mir öfter einmal auf, dass jeder atmet. Dazu ein wenig Yogaphilosophie, jeder trägt den göttlichen Funken aufblitzend in seiner Brust. Ist mit der Aufmerksamkeit gemeint, dass man mehr Respekt vor dem Leben bekommt? Was für leere Worthülsen.

11.11.11 11:56


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