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Leiden und Genialitaet

Manchmal hilft es schon, sich mit Freunden zusammen einen Schnaps hinterzukippen. Nach der Strandparty gehe ich mit zwei Antimafiaaktivisten und einer Freundin in die Vucciria, um ein paar Bahnen zu schwimmen, wie man das hier nennt. Die Vucciria ist der ehemalige Fleischmarkt, ueberall gibt es Glastheken, die sehr viel direkter als bei uns ausstellen, was sie den Kunden anbieten. Man sieht also echtes rohes Fleisch, verschwubbelte Tintenfische und riesige Schweinshaxen, von denen ein Stueck Fett heruntergeschnitten wird, das dem Verzehrer direkt ins Herz injiziert wird. Es ist wie immer ein Gewuehle, genau das richtige fuer vier Frustrierte. Die schwere Stimmung hat sich auf alle uebertragen.

Eine Sambucca hat schon immer geholfen. Man taucht den Zeigefinger in den klebrigen Alkohol, zuendet sich den eigenen Finger daraufhin an, um ihn brennend abzulecken und mit dem Mund zu loeschen. Dann das Glas in einem Zug leeren, durch den Mund einatmen und mit dem Ausatem den Finger pusten. Jetzt geht es besser.
Manchmal hilft es auch, ein berufliches Erfolgserlebnis abzugreifen. Ich gehe in die Villa Niscemi hinter dem Stadion, wohin ich durch die ganze Stadt fahren muss. Ein gigantischer Park mit uralten Baeumen, Papageien und Laufenten umgibt die Residenz des Buergermeisters. An der Pforte stelle ich mich als Dottoressa L. vor, denn in Italien bin ich das. Ein erhebendes Gefuehl, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Parkwaechter kuendigt mich in der Villa an.

Der Buergermeister von Palermo gibt mir ein wissenschaftliches Interview. Leoluca Orlando ist ein erklaerter Mafiagegner und hatte deswegen in den 90er Jahren immer Polizeischutz, in einer Zeit, als viele Richter, Staatsanwaelte und Politiker umgebracht wurden. Heute hat sich das gewandelt, Palermo ist sicherer geworden, was daher ruehren koennte, dass die Geschaefte der Mafia florieren und sie daher nicht mehr zu Terrormassnahmen und nur mehr selten zu Mord greift. Er ist puenktlich und nett.
Wir bequatschen kurz mein Vorhaben, fuer Addiopizzo einen Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben, um die Organisation weiter zu professionalisieren und transparenter zu machen. Die Idee ist, Unternehmern die Schwellenangst zu nehmen, Addiopizzo zu kontaktieren, da es ein Dokument geben soll, das das gesamte Paket an Schutzangeboten fuer Unternehmer darstellt und das Ganze von einem internationalen Zertifikat bescheinigt.
Ich stelle mein kleines Aufnahmegeraet ein und erfahre, dass es auf Sizilien oft genug die auslaendischen Unternehmen sind, die Direktinvestitionen taetigen und sich dabei schlimmer als die schlimmsten Sizilianer benehmen. Seiner Ansicht nach haben die Sizilianer verstanden, dass eine Kooperation mit der Mafia keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellt, waehrend die deutschen und franzoesischen Firmen im kolonialen Denken verhaftet sind, dass eine Schmiergeldzahlung auf Sizilien zum guten Ton gehoert. Schockierende Neuigkeiten fuer mich und der indirekte Aufruf, es in Deutschland einmal besser zu machen.

Ein weiterer Termin mit einem Unternehmer, der kein Schutzgeld zahlt, aber sich niemals von Addiopizzo als mafiafrei zertifizieren lassen wuerde. Er hat ein teures und gutgehendes Restaurant nahe der Via Roma im Zentrum und ist eher bereit, all die Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, die seine Opposition mit sich bringt, als den Mafiosi Geld in die Tasche zu stecken. So muss er damit leben, dass ihm der Weinkeller ausgeraeumt wird, dass die staedtischen Kontrolleure immer nur zu ihm kommen und dass er immer wieder kleine Schaeden im Restaurant und an der Eingangstuer beseitigen muss. Insgesamt, meint er, mache es finanziell keinen Unterschied: Entweder er bezahlt Schutzgeld oder die Reparaturen. So fuehlt er sich immerhin moralisch im Reinen.

Wer so eng zusammenarbeitet, zwischen dem fliegen die Funken. Die Antimafiaaktivisten kennen sich alle seit Jahren, sind privat befreundet und haengen taeglich stundenlang aufeinander. Hat einer schlechte Stimmung, spueren das alle. Wenn sie sich nicht so sehr lieben wuerden, wuerden sie weniger leiden. So ist das in einer ideologischen Organisation. Aus dem Leiden entsteht jedoch erst die Genialitaet, die Addiopizzo auszeichnet.

17.9.13 10:33


September wie bei uns November

Schwere Tage. Wenn die Wirtschaft am Erliegen ist, drehen alle Beteiligten, sprich die gesamte Gesellschaft durch und es gibt Querelen allenthalben. Diese Binsenweisheit erhalte ich von meinem Vermieter, in dessen Firma ehemals 12 Angestellte ihr Bestes geben konnten und in der noch etwa sechs uebrig geblieben sind, die mit den Beinen strampeln.
Sizilien ist eine Insel voller Schmerzen. Das leichte Leben, das mir die letzten acht Wochen vorgespielt wurde, ist in Wahrheit nur dem Sommer geschuldet gewesen. Im Sommer geht es selbst denen gut, die am Boden liegen. Und das sind viele.

Die Hoffnungslosigkeit der Jugend manifestiert sich in einem ungesunden Giftlerlebensstil; die einzige Moeglichkeit, sich in Palermo nachts zu amuesieren, liegt augenscheinlich darin, sich in ein punkiges Stiefeloutfit zu werfen, sich die Augen zu umranden und schmerzhafte Piercings durch die Haut zu treiben. Man sitzt zusammen und bequatscht Belanglosigkeiten, mitten im Strudel, der einen nach unten zieht. Die ganze Misere spuelt man mit schlechtem hollaendischem Bier herunter, Bavaria, nur echt aus Holland, dreht sich einen oder knibbelt an seiner Zigarettenkippe und zieht seinen Hund, der vom Laerm voellig aufgewuehlt ist, durch die Menschenmenge der Vucciria, des Ballarò oder auf der piazza Magione. So vielseitig und multikulturell Palermo auch sein mag, so hipp, taettoowiert und alternativ die Jugend hier auch ist, den meisten geht es schlechter als ehedem, die Gesellschaft ist zerrissen, die Wirtschaft unter kuenstlicher Kontrolle der Mafia, sodass sich kein freier Markt und kein Wohlstand entwickeln kann. Der oeffentliche Nahverkehr ist inbequem und bedient nur das Zentrum, waehrend die Paeripherie abgeschottet bleibt. Fahrradfahrer leben gefaehrlich. Jeder versucht nur, sich selbst zu retten und seine eigene heile Welt zu definieren.

Mein Stimmzettel ist angekommen und ich mache von ihm Gebrauch. Was ich ankreuze, wird ueber die zukuenftige Europapolitik mitentscheiden und ist insofern bis hier in den Sueden von Gewicht. Schade nur, dass ich all die politischen Diskussionen in der Heimat verpasse. Mein Freiwilligenarbeit in Palermo bezahle ich auf diversen Rechnungen.


Dank des Regens der letzten Tage, der die Ankunft des Winters angekuendigt hat, ist die Luft derart angefuellt mit Stechmuecken, dass es schwer ist, zu einer ruhigen Nacht zu kommen. Voellig uebermuedet sitze ich im Buero und reibe mir die zerbissenen Beine. Abends gehe ich in der Daemmerung nach Hause, ueber den Markt, vorbei am Tribunal. Unterwegs ein Treffen mit der anderen Praktikantin, wir trinken Kaffee und unterhalten uns darueber, warum es so schlecht laeuft. Allerdings nicht im Allgemeinen, sondern zwischen uns beiden. Anfangs haben wir gemeinsam an dem Projekt gearbeitet, das ich vorgeschlagen habe. Dann hat sie sich daraus zurueckgezogen, ohne mir Bescheid zu geben. Ich bin so aufgewuehlt, von allem, was in letzter Zeit passiert ist, dass ich waehrenddessen schlucken muss und als wir uns verabschieden, laufen die Traenen. Die zerrissene Stimmung im Buero hat sich auf alle uebertragen, die die Raeumlichkeiten betreten. Regen und helle Strahlen ergeben traumhaftes Fotowetter und bunte Streifen am Himmel.


Auch wenn das viele nicht nachvollziehen koennen und sich daher bei mir eher danach erkundigen, ob ich in letzer Zeit schlecht schlafe. Meine Angela-Merkel-Mundwinkel sind jedoch nicht meiner allgemeinen Befindlichkeit, sondern der Stimmung innerhalb der Organisation geschuldet. Nur, weil wir hier eine tolle NGO sind, die eine super Idee unterstuetzt, heisst das nicht, dass sich alle liebhaben.

Meine Lieblingsbar ist ab jetzt gestorben. Bisher habe ich mich immer gefreut, zu der netten Familie zu gehen, die in der Naehe des Hauptsitzes von Addiopizzo Eis, Panini und Kaffee anbietet. Jedes belegte Broetchen, das ich bestellt habe, wurde mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit belegt, Auberginenscheiben unter Olivenoel, etwas Salz und Basilikum in gegrilltem Weissbrot, dafuer mindestens zehn Minuten Zubereitungszeit, um es so schoen wie moeglich zu belegen, und war eine Sensation. Ich erfahre, dass diese Familie Schutzgeld von anderen erpresst hat und bin geschockt. Das letzte panino von dort bleibt mir im Halse stecken.
Meine Yogastunde am Strand ist ein bisschen traurig. Von den 20 Angemeldeten erscheint kaum einer. Der Sonnenuntergang hingegen ist perfekt. Einfach den Ruecken durchstrecken und weiterlaufen.

9.9.13 18:30


Arbeiten

Vor 22 Jahren wurde Libero Grassi ermordet. Er war einer der ersten, die sich als Unternehmer oeffentlich gegen die Mafia und die Schutzgelderpressungen gewehrt haben und der dafuer mit seinem Leben bezahlen musste.

Zur Jahrestagsfeier hat Addiopizzo ein Event an ihrem Strandabschnitt organisiert. Es gibt es Podiumsdiskussion mit wichtigen Leuten aus Politik, Wirtschaft und Antimafia und eine Apericena, ein Abendessen, dessen Einnahmen einem Barbesitzer zugute kommen, dem vor kurzem das Lokal angezuendet wurde, Frittata mit Zwiebeln und Kartoffeln, Couscous mit Erbsen und Weisswein.

Die Debatte ist unglaublich italienisch. In der Literatur liebe ich diese Art, Schnoerkel aus der Syntax zu drehen und tausend kleine Details zu erzaehlen um am Schluss zu einer subtilen Gesamtaussage zu gelangen. Bei einer politischen Debatte hingegen haette ich mir etwas mehr Technokratie gewuenscht. Immerhin - die nette Dame von der Praefektur hat eine klare Aussage und oeffnet mir das Herz.
Als alle Gaeste gegangen sind, versacke ich mit dem Webmaster und der Chefin der Kulturagentur von Addiopizzo. In Deutschland waere das ein Feierabendbier gewesen und dort wie hier sind diese Situationen entscheidend fuer eine gute Zusammenarbeit. Sie erzaehlen mir von ihrem ersten Praktikanten, einem Heidelberger, der die meisten Antimafiaaktivisten mit seiner Deutschheit gegen sich aufgebracht hat. Er wird mit einem Uhu verglichen, weil er auf urdeutsche Art jegliche Ablaeufe der Organisation kritisiert hat. Non vabbèène, èè spagliatoo, ccossì non si ffa, huhuu wird er nachgeahmt. Wenn man etwas kritisieren will, muss man eben immer die Spielregeln der Diplomatie beachten. Wir kugeln uns gemeinsam vor Lachen. Die deutschen Tugenden verkehren sich bei mangelndem Feingefuehl in untragbare Unarten.


Fruehmorgens am Tag darauf die offizielle Kommemorationsfeier vor dem Haus, wo Grassi ermordet wurde. Kraenze werden von den vigili getragen und der Buergermeister ist anwesend. Danach ein Fruehstueck in einer Bar, die mit Addiopizzo kooperiert.

Es gibt Kaffee, pappsuessen Saft und dazu ein reiches Hoernchen-Buffett, Pistazienfuellung, Puddingcrema, Marmelade. Und ich schaffe es endlich, den Chef von Addiopizzo zu schnappen und einen Termin mit den wichtigen Leuten des Industrieverbands zu vereinbaren.

30.8.13 12:31


Yoga am Foro italico


Abends fahre ich mit der Scherbenaufsammlerin an den Strandabschnitt. Ein nettes Konzert mit Meeresrauschen im Hintergrund. Die Ehefrau eines Addiopizzomitglieds und die ragazza eines anderen haben Geburtstag und geben farinata, padelle, frisches Obst und Prosecco aus. Auf der Tanzflaeche ist es seltsam, weil ich mich als grosse nordische Frau beobachtet fuehle. Ich setze mich zum einzigen Aktivisten, der nicht tanzt und frage ihn nach dem Grund. Wie bei allen Maennern, die nicht tanzen wollen, gibt es keinen; nur die schnoede Scham haelt ihn ab.
Der Cousin des Addiopizzo-Travel-Chefs tippt mich auf die Schulter. Als die naive Evangelisten-Charismatikerin in Palermo war, hat er vergeblich und hartnaeckig versucht bei ihr zu landen. Ich erklaere ihm, dass es fuer Maedels oft nicht so einfach ist, im Ausland zu sein, einen Freund daheimsitzen zu haben und die ganze Zeit von interessierten Typen angegraben zu werden. Ich merke erst jetzt, dass er kein Trottel ist, in Wahrheit ist er ein feinfuehliger Kerl, der gerne eine Freundin haette, aber einfach zu nett fuer die meisten ist.

Zurueck in Palermo, es ist spaet geworden. Ich schlafe den gesamten Samstag hindurch und entgehe so den nervigen Mitbewohnern. Das niedliche schwule Paerchen, das fuer eine Woche mit in meinem Squat wohnt, hat meine Shampooflasche kaputt gemacht. Ich schmolle ein wenig, denn es war Bio-Kamillenshampoo fuer helles Haar, ohne Konservierungsmittel und Silikone, in Palermo mafia-frei in einer Parfuemerie, die auf der Addiopizzo-Liste steht, erstanden. Ethisch korrekter kann ein Produkt gar nicht sein. Jetzt liegt die Flasche mit abgebrochenem Deckel halbleer in der Dusche.

Endlich Sonntag. Ich lasse mich fruehmorgens, das heisst in Palermo um 9 Uhr, vom Unternehmer mitnehmen, der Addiopizzo bei der Strandbar die Welt erklaert. Er gibt mir einen Kaffee und ein Schokohoernchen aus, alles von mafia-freien Lieferanten, heiss, fettig und lecker.
Ich lasse mich tagsueber am Strand grillen, gehe zwischendurch schwimmen und lasse die Sonne mein Haar blondieren, wenn es schon das gute Kamillenshampoo nicht mehr kann. Nebenbei bespreche ich mit den Angestellten der Strandbar die Details fuer die Yogastunde. Wieder der abgewiesene Liebhaber der naiven Englaenderin, eigentlich ist er nicht uebel anzusehen, endlich mal einer, der mir ueber den Kopf hinausragt. Aber typisch fuer grosse Maenner, er faehrt auf winzige niedliche Blondchen ab. Irgendwie hat er es ja auch selbst verschuldet, dass er immer noch allein ist. Er bittet mich, der Englaenderin auszurichten, dass er sich freuen wuerde, ihre Schwester kennenzulernen und zu heiraten. Diese Sueditaliener ueberraschen einen immer wieder. Die Englaenderin hat ihn und mich in die Sektenmesse mitgenommen, in der wir vor einer Woche waren. Noch immer kringelt er sich mit mir gemeinsam ueber die Hardcorechristen, die in fremden Zungen sprechen und mit geschlossenen Augen Jesus' unglaubliche Liebe spueren.
Fuer das Yogaevent am Strand gehe ich mit der anderen Praktikantin und einem Antimafiaaktivisten Fotos fuer die Website schiessen. Am Foro italico entstehen zwischen Glasscherben und Loewenzahn erstaunlich gute Aufnahmen. Alles ist bereit fuer naechsten Samstag.

26.8.13 15:12


'sti cazzi

Die protestantische Arbeitsmoral kann man nicht so einfach abschalten, wenn man aus einem Land der Teutonen kommt. Ein deutscher Praktikant hat sich im Londoner Haifischbecken totgearbeitet. Auch ich berbringe lange Tage im Buero.
Nach der erzwungenen Pause von Maria Himmelfahrt stuerze ich mich wieder in die Arbeit. Ich versuche Addiopizzo von einer internationalen Organisation zertifizieren zu lassen um ihnen ihr Fundraising und den Kontakt mit der bisher unbetretenen Businesswelt zu vereinfachen. Bislang wirken viele der internen Prozesse fuer meine germanischen Gewohnheiten improvisiert bis verspurt.

Meine Interviewtermine werden mir im letzten Moment abgesagt und verschoben. Ich versuche mit der anderen Praktikantin Mittagspause zu machen, sie verschwindet mit der Aussage, gleich zurueckzukommen und taucht Stunden spaeter im Buero wieder auf. Unzuverlaessigkeit mag ich eigentlich nicht so gern. Jetzt ist mediterrane Gelassenheit gefragt. Ich verschiebe alles auf die kommende Woche, wissend dass sich bis dahin nichts veraendert haben wird.
In meinem Squat-Co-House, wo ich wohne, ist die Stimmung aufgeheizt. Siamo tutti vittime d'amore - beide Mitbewohner leiden unter schlimmen Liebesnoeten, es geht um verflossenen und aktuellen Schmerz. Wo ich frueher immer noch zum Abendessen dazugebeten wurde, heisst es jetzt tu ti organizzi, eh oder anders gesagt, wir wollen heute Abend gerne ohne dich essen. Sitze ich doch einmal durch Zufall dabei, fuehle ich mich konstant ignoriert und habe Muehe, mich in das Gespraech einzuklinken.

Als abends nur einer der Mitbewohner anwesend ist ohne die Maedels, die seit kurzem beschlossen haben, mich ein wenig zu hassen und mir mit aller Kuehle ihrer huebschen Schnauzen zu begegnen, nutze ich die Chance. Ich habe runde Pasta mit langen Paprikastreifen und Kapern gekocht und biete ihm dreimal an, mit mir zu essen, bis er endlich die Einladung annimmt. Fuer die naechste Zeit wird es das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Angebot machen werde. Genauso wie er mich nicht mehr einlaedt, wechselt er nur die noetigen Worte mit mir und verzieht sich so schnell er kann. Er ist in Noeten und ich will ihn gern verstehen, aber die Stimmung ist schwer ertraeglich. Der Schmerz ist regelrecht greifbar und liegt in der Luft. Ich ersticke.

Ich frage mich auch, ob es das komische Wetter ist, das alle hier durchdrehen laesst. Es ist stetig kuehl fuer hiesige Verhaeltnisse, bewoelkt schwuel und windig. Ich bin endlich im zweiten Katzenjammer angekommen, der alle ereilt, die sich in die Fremde wagen.

Tags darauf frage ich einen Kollegen, ob ich mich bei ihm ausheulen darf, denn die vielen Abende, in denen ich mich in meinem Zimmer verstecke, gehen nicht spurlos an mir vorueber. Er baut mich wieder auf, denn er versteht. Seiner Meinung nach kommt die Antipathie der Maedels ganz von allein, da sie jede Mitbewohnerin hassen wuerden. Dass die Jungs kaum mit mir reden, hat komplexere Hintergruende. Ich ueberlege mir fuer meinen letzten Monat eine andere Bleibe zu suchen.

Das Wochenende naht und ich muss mich gut durchorganisieren, um nicht in der Drahtseilstimmung zerrissen zu werden. Fuer abends nimmt mich die nette Kollegin, die schon einmal alle Scherben eingesammelt hat, mit an den Strand von Addiopizzo auf ein Konzert. Den Samstag will ich im Naturschutzgebiet am Meer verbringen und fuer Sonntag suche ich mir eine sinnvolle Taetigkeit und will in die Kirche gehen. Selige Jungfrau, schick mir deinen Rat.

23.8.13 18:12


Ferragosto unter Sektierern und Carabinieri

Auf dem Markt beginnt die Saison der Kaktusfeigen. Dazu kaufe ich gelbe Pfirsiche und Wassermelone und gleiche mit den Vitaminen die Suenden aus, die ich abends mit Bueffelmozzarella, Tomatensauce und aufgegangenem Pizzateig des Himmels begehe.


Eine Englaenderin hat sich in meinem Squat, in dem ich wohne, eingenistet. Sie ist Evangelistin und je laenger ich mit ihr spreche, desto klarer wird mir ihr engeengtes Weltbild, das alle Sektierer gemeinsam haben. Sie ist blond, hell und huebsch, aber ihre politische Einstellung macht unsere Welt zu einem gefaehrlichen Ort. Abends verbringen wir die Zeit auf der Dachterrasse und sie erklaert mir den heiligen Geist, den ich als Katholikin als obskures Konzept betrachte, das eher mit den Judaeern als mit mir zu tun hat. Der heilige Geist ist ueberall. Sie betet laut und legt mir ihre Hand auf die Schulter. Lord Jesus, you died for me. Danach lesen wir gemeinsam Lukas.


Sie ist zu blond, zu naiv und zu verblendet ideologisch fuer ein so gefaehrliches Pflaster wie Palermo. Ich erklaere ihr die Mafia, ohne dass sie versteht. Ein Maedchen, dass sie im Flugzeug kennengelernt hat, laedt sie ein, mit ihr die freien Tage um Maria Himmelfahrt zu verbringen. Als ich das Maedchen sehe, weiss ich sofort, dass ich mich ihr nicht annaehern werde, die Schwingungen, die von ihr ausgehen, beeinflussen mich negativ. Als die naive Mitbewohnerin mir nach ihrem Treffen von der Familie des Maedchens erzaehlt, wird mir sofort klar, woher meine Abstossungsreaktionen kamen. Es scheint sich um eine Familie von lauter Mafiosi zu handeln oder zumindest pflegen sie beste Kontakte. Die naive Englaenderin arbeitet gemeinsam mit mir fuer Addiopizzo fuer einige Tage und als sie der Familie davon erzaehlt, ist die Reaktion verhalten bis negativ. Wer auf die Erwaehnung der Antimafiaorganisation mit einem gequaelten Laecheln reagiert, kann nur entweder selber Mafioso sein oder ist mit den Methoden der Cosa nostra allzu einverstanden. Als der Englaenderin langsam klar wird, mit wem sie es zu tun hatte, weiten sich ihre Augen und ich brauche einige Zeit um sie wieder zu beruhigen. Unter ihrem Balkon steht ein weisses Auto, das dem entspricht, welches der Vater der Familie faehrt. Ich erklaere ihr, dass das nur ein Zufall ist und dass sie nichts zu befuerchten hat. Eine Auslaenderin, die etwas Zeit mit den Antimafiaaktivisten verbringt, ist nicht die Zielscheibe fuer Angriffe des Verbrechersyndikats.


Ich werde durch sie noch katholischer als ich vorher schon war und schmuecke mein Zimmer mit der Madonna, die mit verklaerten Augen nach oben schaut. Aus Interesse und meiner Allgemeinbildung zuliebe gehe ich auf den Ballarò und in die dortige Kirche del Carmine, Sonntags, in die katholische Messe. Der Priester ist uralt, ein Greis, der zittert und sich dennoch vor den Altar kniet. Vor Beginn der Messe, die auf dem quirligen Markt dennoch nur von einer kleinen Handvoll Glaeubigen besucht wird, kaufe ich noch Tomaten und Zucchini, in der Kirche riecht es nach den Ueberresten der Fischhaendler. Eigentlich sind alle Anwesenden mit der Vorbereitung des Gottesdienstes betraut und echte Gottesdienstbesucher sind ausser mir nur zwei. Eine aeltere Dame kommt auf mich zu und singt mir das erste Lied der Messe vor, damit ich bei Eintritt des Priesters lauthals mitsingen kann. Willkommen in Palermo, in der letzten Minute wird as erste Lied geaendert und die nette alte Dame stellt sich neben mich um mich mit ihrem Gesang in der Melodie zu unterstuetzen. Es ist ein grauenhafter Gottesdienst, der Greis vor dem Altar haelt eine Predigt fuori del mondo, ausserhalb jeder Realitaet. Wer immer behaupte, die katholische Kirche disrespektiere den menschlichen Koerper, begehe mit dieser Aussage eine Suende und eine Luege, wie er meint. Seine Predigt bringt mich aus der Fassung, zwischen den Zeilen steht geschrieben, dass die Politik der Kirche Schwulen gegenueber richtig ist, dass man Sexualitaet weiter unterdruecken darf und soll und dass der Mann mit seinem Zoelibat zufrieden ist, was er in seinem Alter gerne sein kann. Voll Zorn komme ich aus der Kirche.

 

Die naive Englaenderin nimmt mich mit in einen evangelistischen Gottesdienst der Pfingstprotestantengemeinde. Einige Afrikaner und viele Italiener feiern die Messe mit lautem Gesang und individualistischen Botschaften in den Lobgesaengen, was mir aus irgendeinem Grund missfaellt. Daraus, dass diese Protestanten ihre persoenliche Beziehung zu Gott in den Vordergrund stellen, lese ich den puren Calvinismus heraus, che schifo. Alle Gemeindemitgleider muessen dringend ihre unglaubliche Liebesbeziehung zu Jesus unter Beweis stellen, indem sie einen leidenden Gesichtsausdruck an den Tag legen, waehrend sie singen, wie sehr sie Jesus lieben. Der Gesichtsausdruck der Bandmitglieder auf der Buehne ist schwer zu ertragen. Auch die Gemeindemitglieder - einige huepfen und tanzen waehrend der Lobgesaenge und bei den Gebeten murmeln viele vor sich hin und sprechen zu Gott, eine Hand erhoben und die Augen geschlossen. Wir fassen uns an den Haenden, um Gott noch mehr zu spueren. Die Predigt des Pastors ist schrecklich, das Mirkofon ist auf megalaut gestellt und ich muss mich eine dreiviertel Stunde lang anschreiebn lassen, dass Jesus sagt, man solle niemanden verurteilen. Danach Lobgesaenge und die Versicherung der naiven Englaenderin, dass dieser Gottesdienst viel freier sei als eine katholische Liturgie.

Religioes gesehen habe ich mich bewusst in die totale Verwirrung hineingestuerzt um zu sehen, an welchem Ende ich wieder herausfinde. 


Maria Himmelfahrt in der Mitte jedes Augustes ist in Sueditalien der Komplettausfall jeglicher Arbeitsaktivitaet. Ueber eine Woche bleibt das Buero der Antimafiaorganisation geschlossen und ich nutze die Zeit, um ueber mich selbst, den Papst, die heilige Madonna und die Mafia nachzudenken. Ich vereinbare einen Termin mit einem sozialen Secondhandshop, die in Palermo Naehunterricht in Problemvierteln und mit Immigranten veranstalten. Die Praesidentin ist Afrikanerin, eine schoene Frau und Mutter dreier Kinder, die um sie herumrennen und die ganze Naehstube in einen Spielplatz verwandeln. Sie suchen dringend eine Praktikantin, doch ich bin schon fuer Addiopizzo vergeben. Fundraising ist ein Problem, ebenso wie Marktrecherche. Sie stellen Jutebeutel aus gebrauchten Stoffen her und versuchen auf Messen des kritischen Konsums ihre Sachen an den Mann zu bringen. In Deutschland werde ich versuchen eine Praktikantin fuer sie aufzutreiben. Modestudenten und BWLer koennten sich dort austoben und den Laden auf Vordermann bringen. 


An Maria Himmelfahrt gehe ich an den Strand von Addiopizzo in Capaci, wo das Blutbad an dem Maxiprozess-Richter stattgefunden hat. Vor 20 Jahren wurde ein Autobahnabschnitt, auf dem der Richter und seine Leibwache fuhren, in die Luft gesprengt. Heute verleiht Addiopizzo dort Strandliegen und Sonnenschirme und gibt Getraenke aus. Ich spreche mit der Verantwortlichen, um dort Yogastunden zu vereinbaren, an denen alle teilnehmen koennen. Momentan ist absolute Krisenstimmung, da die Mitglieder von Addiopizzo zum ersten Mal am eigenen Leib spueren, was es heisst, in einem Kontext der totalen Illegalitaet Unternehmer zu sein. Der Barmann von nebenan stiehlt nachts nicht zum ersten Mal kistenweise Schnaps aus der Bar von Addiopizzo. Er raeumt den Sand zur Seite und quetscht sich unter der Holzwand durch und reicht seinem Komplizen die Flaschen des teuren Diebesguts. Die Polizei hat anscheinend Angst vor diesen Leuten und so muss Addiopizzo selber eine Nachtwache organisieren, um den Diebstahl zu verhindern. Nebenbei werden sie solange von der Polizei auf alles kontrolliert, bis endlich ein Fehler gefunden wurde. Als der Lido nebenan geschlossen hat, ist nur der Bademeister von Addiopizzo am Strand, an einem Abschnitt, an dem jedoch ein zweiter Bademeister Aufsicht halten muesste. So fangen wir uns eine Strafgebuehr von 1000 Euro ein. Die Sportveranstaltungen, die Addiopizzo am Strand veranstaltet, werden von der Gemeinde boykottiert, die es gewoehnt ist, dort ihre eigenen Fussballspiele abzuhalten. Als Addiopizzo ein Volleyballturnier veranstaltet, eskaliert die Situation und der Cousin eines Addiopizzomitglieds wird in eine Schlaegerei verwickelt. Man ueberlegt, das Projekt aufzugeben, doch wie kann man dann Unternehmern, die von der Mafia bedroht werden, noch Mut machen, wenn nicht einmal Addiopizzo selbst es schafft, ein kleines Unternehmen zu erhalten? Auf meine Yogastunde in diesem Kontext bin ich mehr als gespannt.


Antonino macht ein Praktikum auf Sizilien in einer kleinen Carabinieristation in einem Dorf in der Naehe von Catania. Sonntags fahre ich dorthin und werde von ihm abgeholt. Ich waere gern in Catania geblieben, doch ihn zieht es zurueck in das Kaff, in dem er Dienst hat und so fahren wir nach Calatabiano, wo er mir eine goettliche Granita ausgibt, Kaffee und Mandel, eiskalt und suess, genau das richtige in der Hitze.


Wir erklimmen einen Huegel in der Naehe und er berichtet mir, dass er schon im ganzen Dorf, das eigentlich eine Kleinstadt ist, bekannt ist als der Carabiniere, der immer seinen Kaffee bezahlt. In diesen kleinen Orten ist es an der Tagesordnung, dass Carabinieri auf alles eingeladen werden. Sogar mein Zimmer in einem BnB wollten die Vermieter fuer ihn kostenlos anbieten, er musste darauf bestehen, dass ich zumindest einen symbolischen Preis bezahle. Das nennt man in Deutschland Kleinkorruption, denn was soll sonst hinter diesen Gefallen stecken, die alle Geschaeftsleute den Carabinieri anbieten? Von Eidechsen und Ameisen umgeben steigen wir vom Huegel zurueck herunter und geben uns dem Dorffest hin.



Ein Mittelalterspektakel mit Fahnenwerfen, Umzug der Prinzessin und Trommlern. In einer Ausstellung zeitgenoessischer Kuenstler verbringen wir Stunden, weil er sich in ein Bild verguckt hat, dass er erstehen moechte. Die Vision ist, am ersten Ort, wo er Dienst als Carabiniere hatte, ein Bild zu erstehen, das ihn dann waehrend seiner gesamten Carabinierikarriere begleitet und immer in seinem Buero haengen wird. Die Verhandlungen dauern ewig und schliesslich ringen sie sich zum Kaufakt durch.

In Deutschland werden Geschaefte ruck zuck abgewickelt, hier muss man sich erst berochen haben. Die Kuenstlerin in hohen Hacken ist begeistert von der Idee und beleuchtet die Hintergruende ihres Bildes, das sie im Moment grossen Schmerzes gemalt hat. Auf der Piazza empfiehlt Antonino mir Pasta alla Norma mit leckeren Auberginen und Ricotta, die ich mit schlechtem Rotwein herunterspuele.

Morgens sieht er aus wie nach einer durchzechten Nacht, weil er extra wegen mir kaum gaschlafen hat, um mich nach seiner Nachtschicht in Catania abzuholen. Wir fahren in die Gole di Alcantara, einer Grotte voll Suesswasser und Wasserfaellen. Als ich mich schon in die eiskalten Fluten stuerze, muss er sich noch aklimatisieren, die Armeeausbildung macht hart, aber nicht unantastbar. Das Wasser ist so kalt, dass es schmerzt, aber nach einigen Zuegen spuert man den Kaeltescherz nicht mehr. Ich erzaehle ihm von meinen Erfahrungen mit den Evangelisten und wir freuen uns beide gemaessigt katholisch zu sein. Die Doppelmoral der Evangelisten, die mit dem Sex bis zur Ehe warten und ihn doch heimlich machen, bringt uns zum lachen. Die Katholiken haben sich mit den Regeln, die sie einfach nicht beachten, arrangiert. Wer Katholik ist, ignoriert die Kirchenmoral und bezeichnet sich dennoch als Katholik. Wir begehen freihaendig Suenden, weil sie uns vergeben werden. Faulenzerei, Traegheit, Wolllust, alles ist dabei. Die katholische Lebensart des dolce far niente habe ich akzeptiert und assimiliert und die protestantische Arbeitsmoral kann mich mal.


20.8.13 16:37


Ein Kiez fuer Palermo


Der Abschlussbericht des Boards fuer nachhaltige Entwicklung des Industrieverbands Confindustria Palermo interessiert mich. Hierin werden die Herausforderungen der Metropole in den kommenden Jahren schonungslos aufgelistet. Die Confindustria nimmt nur Mitglieder auf, die sich keine Mafia-Straftaten zuschulden kommen lassen und suspendiert alle, die sich nicht daran halten. Der Bericht zeichnet eine nachhaltige Entwicklung nach, die aus einem funktionierenden Muelltrennungs- und Entsorgungssystem besteht - was aktuell eine brennende Problemlage darstellt, eine dezentralisierte Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen, ein funktionierendes Nahverkehrssystem - was momentan eine mittlere Katastrophe ist, man muss innerhalb der Stadt mehrfach umsteigen, um in den industriellen Norden zu kommen, die Metrotunnel werden gerade von wunderbaren Mafia-Bauunternehmern gebaut, die wenig Interesse daran haben, in absehbarer Zeit die Anlagen fertigzustellen, und natuerliche Einkaufszentren - also keine Glastempel, sondern Gebiete im historischen Stadtzentrum, die eine hohe Ladendichte aufweisen, weil sich lauter kleine, innovative Jungunternehmer trauen, ein Geschaeft zu eroeffnen - mit anderen Worten, Palermo braucht einen Kiez, der die hippen Jungunternehmer anzieht. Ein Kiez fuer Palermo.

Das ist momentan leider noch Zukunftsmusik. Die hippen Laeden der Jungunternehmer sind verteilt auf die gesamte Stadt, ein entspannter Einkaufsbummel in netten Schnuckellaeden ist nicht moeglich, da alles so weitlaeufig ist und es keine Fussgaengerzone gibt. Genau wie in Berlin wimmelt es in Palermo nur so von Oberalternativen, die sich jenseits des Hipster-Klischees ihre eigene Welt erfinden, sich Schlangen auf die Beine taetowieren lassen und mit laessigen Lederschlappen durch die verpesteten Strassen hasten. Abends treffen sie sich in der Vucciria, essen verbranntes Fleisch, rauchen eine canna nach der anderen und ziehen verkatert und vergiftet nach Hause. Die Energie dieser Leute in einem Kiez zu buendeln waere ein Traum und wuerde die In-Crowd Europas nach Palermo ziehen, fuer nachhaltige Entwicklung sorgen und die alten Mafia-Strukturen vertreiben.

Bislang wird aber noch an einer verlorenen Front gekaempft. Palermo ist eine der letzten Staedte Europas ohne Fussgaengerzone und mit kaum Gruenflaeche. Die Bausuenden der letzten Jahrzehnte, die die Mafia der Stadt angetan hat, machen Palermo zu il scempio, der Verunstaltung, die es heute ist. Seit drei Wochen gibt es fuenf neue Versuche, Autos aus Teilen der Innenstadt zu verbannen. Auf der piazza San Domenico stehen Panelen und kuenstlicher Rasen, hier soll bis zum Ende des Sommers eine Probefussgaengerzone sein. Nachts zerstoeren aufgebrachte Haendler, Mafia-posteggiatori, also die illegalen Parkwaechter und eine mitlaufende Meute alles, was auf diesem Platz aufgebaut wurde. Anwohner rufen die Polizei, aber die laesst sich nicht blicken. Die gesamte Stadt spricht am naechsten Tag von nichts anderem. Was wohl passiert waere, wenn das angrenzende Einkaufszentrum Il Rinascente angegriffen worden waere? Ob sich die Polizei dann auch so viel Zeit gelassen haette? Ich schlendere zwei Tage nach dem zerstoererischen Mob zur piazza und beobachte einige Polizisten, die ab jetzt dort zur Streife abgestellt sind.


Direkt daneben die Vucciria, alles ist feucht, man versucht, den Grillschmotz und Schneckenschleim der letzten Nacht von den Steinen zu waschen. Mit einem Antiquitaetenhaendler unterhalte ich mich ueber seine alten Fotos der Stadt. Er hat Bilder von Corleone und von Mordopfern und Mafiafamilien in Schwarzweiss. Verbrechervisagen, die jeden Sonntag in die Messe gehen.

Es ist Sonntag, ich frage meinen Vermieter im Scherz, ob er in der Kirche war. Er lacht lauthals und erzaehlt spaeter seinen Freunden von meiner Frage. Die Leute, mit denen ich wohne, gehoeren zu einer modernen Elite Palermos, die ihre Kinder auf die Waldorfschule schicken, wo sie deutsch und gute Manieren lernen und die kein Interesse mehr an papa Francesco und dem kirchlichen Segen haben. Ihm gehoert ein sagenhaftes Restaurant gleich bei der piazza San Domenico und er zahlt keinen pizzo. Addiopizzo will er nicht beitreten, er ist schon immer Mafiagegner, aber fuehrt seinen Kampf individuell, weil er den Glauben an jegliche Organisationen verloren hat. Er sagt, pizzo zu zahlen oder nicht, mache finanziell keinen Unterschied. Regelmaessig muss er zerstoerte Einrichtung oder Schaeden am Auto reparieren. Man kann von niemandem erwarten, dass er zum Helden wird, er versucht es wenigstens. Es gibt Tagliatelle mit passierter Tomatensosse und gebratenen Auberginen, dazu Weissbier.


Abends ein Kindergeburtstag, es ist fast schon Nacht und die Kinder spielen seelig im Hof unter der Bougainvilia. Drei Torten, kleine Appetizer, wie immer auf Sizilien Couscous-Salat und Farinata, Aprikosentarte, Saft fuer die Kleinen, Bitburger fuer die Grossen. Die hippe In-Crowd ist unter sich in einer Seifenblase, man traegt Jutekleider und Haarbaender, kauft Holzspielzeug aber Plastikgeschirr, isst vegetarisch aber laesst die Kinder mit den Kerzen und Lustballons zuendeln, der Rauch verpestet den Hof fuer einige Momente.


Mit einer neuen Freundin halte ich abends meine erste Yogastunde auf italienisch ab. Wir sind auf der Dachterrasse und es ist ein wunderbarer und intimer Moment, die Schmerzen, die sie von der Trennung vom Vater ihrer Kinder davontraegt, haben sich in ihren Ruecken- und Hueftmuskeln manifestiert. Viele subtile Dehnuebungen machen wir gemeinsam und ich weiche von meinem eigentlich Plan und den Poweryogauebungen ab zu einem sanften Programm fuer verletzte Seelen. Siamo tutti vittime d'amore. 

29.7.13 18:30


Die Meerenge bei Messina, Taormina und Reggio Calabria


Eine Einladung zum Abendessen von zwei Touristen, die eine Addiopizzo-Stadtfuehrung mitgemacht haben. Das mafiafreie Restaurant serviert ein bemerkenswertes Menu mit antipasti, primo und secondo und dolce. Danach kann man nach Hause rollen. Dieses Abendessen ist in Italien kein Problem, weil man  praktisch nichts fruehstueckt, ich gehe immer in dieselbe Bar, weil ich dort mit dem huebschen Barista flirten kann, wo ich einen caffè macchiato und eine brioscia bestelle, mittags gibt es nur ein Broetchen oder ein Stueck Pizza, sodass man bis abends so ausgehungert ist, dass die vier Gaenge locker hineingehen. Caponatina, Pasta, Schwertfisch auf Kartoffelscheibchen und panna cotta. Das klingt nicht nur maechtig, das ist es auch. Normalerweise lasse ich das secondo aus und nehme statt dolce nur einen caffè.


Die beiden sind ebenso bemerkenswert wie das Essen. Ein weitgereistes Paerchen, mit dem ich gemeinsam ueber die Zukunft der NGO, in der ich arbeite, reflektiere und die mich auf das Risiko aufmerksam machen, dem ich mich aussetze. Am Tag danach loesche ich aus meiner Blogseite die genauen Ortsangaben und hoere auf, die Tueranlage im Buero zu beantworten. Wenn unten jemand klingelt, wird er einfach hineingelassen, auch wenn nicht genau verstanden wurde, wer da steht. Ab jetzt lasse ich nur noch hinein, wen ich bereits kenne und frage genauer nach.


Vor 21 Jahren wurden der Staatsanwalt der Maxiprozesse Paolo Borsellino und seine Leibwaechter in der via D'Amelio in die Luft gesprengt. Ein Akt der Gewalt, der in der Luft nachhallt, als zur selber Uhrzeit im Jahr 2013 eine Schweigeminute abgehalten wird. In der Stille des Wohngebiets, in dem sonst wenig passiert, gab es damals eine riesige Explosion, Staerkemessen und Machtbeweis der Mafia. An diesem Tag findet dort ein Kulturevent statt, Politiker und Staatsanwaelte, Hinterbliebene der Opfer und Schulkinder stehen auf der Buehne.


Doch die Vortraege sind duenn und ohne Gehalt. Ich treffe den Praesidenten von Mafia Nein Danke, einer Anti-Schutzgeld-Organisation, die in Berlin italienische Restaurantbesitzer betreut, die erpresst werden. Er raet mir, wenn ich ein Interview mit Leoluca Orlando wolle, soll ich ihn einfach ansprechen. Als ich mich dazu durchringen will, ist er weg und ich gehe stattdessen ins Gelatone, eine der beruehmtesten Eisdielen Palermos. Veganes Schoko- und Erdbeereis. Italiener haben mehr Talent als Deutsche in all dem Grauen des Alltags die haesslichen Seiten auszublenden und die kunterbunten zu betrachten.

Antonino kommt nach Sizilien. Wir sind eng befreundet seit er mich in Bari gerettet hat, wo schlechtes Wetter war, die Unterkunft unter aller Kanone und ich herumkraenkelnd im Zimmer versackt bin. Damals hat er mich in seine Stadt an der Amalfikueste mitgeschleppt und war so aufmerksam und lieb, dass ich die Begegnung nie vergessen werde. Mit seinen Freunden waren wir in Salernos bester Pizzeria - und das will dort, wo die Pizza erfunden wurde, etwas heissen. Ich fahre mit dem Fruehzug nach Messina.

Nach langem Hin und Her und der Suche nach dem richtigen Bus steige ich in den Regionalzug nach Olivero, wo er mit seinen Freunden am Strand abhaengt. Als ich ihn damals getroffen habe, war er in Bari, um einen Aufnahmetest fuer die Carabinieri zu bestehen, heute ist er im dritten Jahr in der Kaserne und macht mit seinen Carabinieri-Freunden Urlaub, der bei dieser Armee-Gruppierung rar gesaet ist. Er sieht anders aus, damals die Locken, heute ein erzwungener Kurzhaarschnitt, aber wir fallen uns in die Arme und knuepfen sofort dort an, wo wir damals unterbrochen wurden. 

Abends bringen sie mich zu meinen Bed'n'Breakfast, wo mir keiner die Tuer aufmacht. Die Jungs sind schon weg und ich habe wie es aussieht kein Dach ueber dem Kopf. In der naechsten Bar spreche ich den jungen netten Barista an, der mir sofort weiterhilft. Es hat gewisse Vorteile, ein junges nettes Maedel zu sein. Kurz darauf habe ich ein neues B'n'B, deutlich schoener gelegen und mit grossem Garten. Der Sohn der Signora kuemmert sich ruehrend um meinen Komfort. Diverse Katzen und zwei Hunde tummeln sich auf der Terrasse mit Blick auf den Strand und umgeben von Granatapfelbaeumen, Wein und Zitronella. 


Die Carabinieri holen mich abends ab und wir fahren nach Taormina. Im Auto sprechen wir ueber ihre Arbeit und die Verantwortung Carabiniere zu sein. Einer der Jungs findet die Befugnisse der deutschen Polizei angenehmer, da sie, wie er sagt, so gut wie nichts tun duerfen, bevor sie nicht direkt angegriffen werden. Die Deutschen haben auch viel mehr Respekt vor einem Polizisten, weil sie mehr Angst haben, wie er meint. Ich berichtige, dass die Deutschen nicht mehr Angst, aber dafuer deutlich mehr Vertrauen in ihren Staat haben und daher respektvoller agieren. Taormina, ein Traum aus einer anderen Zeit, eine Stadt in der Hoehe, mit Treppen ueber Treppen, die mit Bartischen und Stuehlen zugestellt sind.


Nach einer ermuedenden Suche nach einem Restaurant verbleiben wir in einer mittelmaessigen, dafuer teuren Pizzeria. Wir trinken Bier, so macht man das in Italien, wenn es Pizza gibt. Drei weitere Carabinieri sind gekommen, einer in weiss, einer in rot und einer in gruen. In einer Bar aergere ich mich ueber die enormen Preise, selbst die Cola kostet fuenf Euro und bin begeistert von den Manieren der Jungs. Ich fuehle mich wie in den 60er Jahren, Antonino laesst mir stets den Vortritt, oeffnet mir die Autotuer, bevor ich sie unbedacht selbst aufreisse und gibt mir das Getraenk aus. Manchmal ist es schoen, unemanzipiert zu sein. Auch er hat meinen sprachlichen Fortschritt bemerkt, was mich sehr freut. Obwohl er nur einmal in Berlin war, ist er seit er mich kennt, derart fasziniert von der deutschen Kultur, wir sprechen mehr als einmal von Bierbrauerein, Masskruegen und Biersorten. Er will zur naechsten Bergkirchweih anreisen, weil er dann in Florenz kaserniert sein wird. Um fuenf Uhr morgens sinke ich in mein Bett.


Ich schlafe zu lange, der Tag ist verspurt und ich mache nichts, aber es ist ja auch Sonntag und kein Bus faehrt mich ins Stadtzentrum. So bleibt mir nichts anderes als herrlicher Muessiggang, ich kaufe eine Zeitung und lege mich an den Strand, der direkt vor der Haustuer beginnt. Nachts sind wir an der Faehreablegestelle verabredet. Wir nehmen die Faehre nach Kalabrien, Reggio Calabria, mit einem der schoensten Lungomare der Welt.


Die Carabinieri-Jungs wollen sich statt einem Abendessen einen Eisbecher mit brioscia reinhauen, was sie auch tun. In einer Diskothek, wo nur oberspiessige Machos und Tussis abtanzen, strudeln wir auf die Tanzflaeche und es wird eine der oedesten Naechte, die ich in einer Disko verbringe. Diese Jungs sind derart gedrillt, dass alle aufgehoert haben zu rauchen und sich selbst in der Disko kein Bier genehmigen. Die Kontrolle findet ihren Hoehepunkt, als zwei Maenner etwas naeher an mich herantreten und ganz normal tanzen. Einer der Jungs gibt sofort Antonino den Auftrag, dass er mich von ihnen wegziehen soll, um Probleme zu vermeiden. Aber wie kann man Probleme vermeiden, wo gar keine sind? Die Armee hat bei den Jungs ganze Arbeit geleistet. Einen guten Freund wiederzusehen ist Balsam fuer die Seele, egal in welche Disko man dabei geht. Zwei baci fuer alle und der Traum ist vorbei.


Als ich am naechsten Tag wieder in Palermo meine E-Mails checke, ist dort eine Terminbestaetigung fuer mein wissenschaftliches Interview mit Orlando, dem Buergermeister Palermos im Postfach.

22.7.13 18:59


Santa Rosalia

Ein langes Wochenende, ueber das sich alle freuen. Ich mich nicht. Ich weiss nicht so viel mit mir anzufangen. Am Montag ist das Stadtfest der Santa Rosalia, weswegen ganz Palermo am Sonntag feiert und am Montag nicht zur Arbeit und stattdessen zur Prozession geht. Ich verbringe meinen Samstag am Strand von Mondello, wo ich zaehneknirschend die horrenden Preise fuer einen Sonnenschirm akzeptiere und mich unter dem Schirm vor den schlimmsten Verbrennungen rette. Ich lege mich hinein in einen Roman von Isabel Allende, den ich unterwegs in Saarbruecken gefunden habe und den ich auf Sizilien weiterverschenken werde. Der Tag zieht sich und eigentlich bin ich froh, als ich in den Bus zurueck nach Palermo steige. An den Strand sollte man als Familie, zumindest aber doch mit seinem Herzblatt gehen, damit man sich dort nicht so langweilt.


Sonntag Abend das Stadtfest. Ich koche mit meinem neuen Lieblingsmitbewohner, einem Gelegenheitsarbeiter, der eigentlich Shiatsu-Meister ist, aber in Palermo hat man es nicht so leicht, sich selbststaendig zu machen. Wir sind also beide abgebrannt und freuen uns ueber unsere Arme-Leute-Kueche, bei der wir auch Essensreste vom Vortag noch zu schmackhaften Pastagerichten erweitern. Auf dem Ballarò-Markt gibt es guenstiges Gemuese und Wassermelone kann man beim Wassermelonenmann an der Kreuzung erstehen. Sie sind saftig und suess und aus dem frigo die ideale Abkuehlung.


Wir gehen auf das Stadtfest, es ist immer wieder faszinierend, wie ein Mann sich verwandeln kann, vom kleinen abgeranzten Jungen zum chiqcen Suedlaender, indem er einfach ein langaermliges Shirt und eine lange Hose ueberzieht. Es soll noch ein Feuerwerk geben und wir treffen eine seiner Freundinnen, die einen gewissen arroganten Charme ausstrahlt und mich damit voellig verunsichert. Das merke ich immer daran, dass ich dann kein vernuenftiges Italienisch mehr sprechen kann. Weil ich mich in ihrer Gegenwart langweile, versuche ich die andere Addiopizzo-Praktikantin zu erreichen, aber sie ist im Gewuehle steckengeblieben und schafft es nicht zur naechsten Kreuzung. Ich setze mich der Hoeflichkeit halber noch dazu, als die Gruppe sich einen Drink holt in der Vucciria, dem Ausgehviertel, das einem arabischen Zaubermarkt gleicht und in das sich die Carabinieri nicht hineintrauen. Es ist laut, Musik von allen Enden, Glastheken mit rohem Fleisch, das vor den Augen der Meute gebraten wird, kleine Schnecken in Knoblauch und Olivenoel getraenkt und gebraten, die auf allen Tischen stehen. Dazu ragazze, fesche Maedels in atemberaubenden Highheels, hier ist alles verrucht und sie haben alle ein Tattoo oder zumindest ein punkiges Outfit, die Schickeria Palermos sucht man hier vergeblich. Ich fluechte und lese auf der Dachterrasse, waehrend hinter mir das Feuerwerk abknallt.


Montag, ich war schon kurz davor ins Buero zu gehen, als ich eine SMS bekomme, die mir davon abraet. Sizilien ist katholisch, wenn der Tag der Santa Rosalia ist, wird nicht gearbeitet. Ein neuer Mitbewohner kommt an, ein Kosmopolit, wir schlendern durch die Stadt bis zur Kathedrale, wo er sich verabschiedet und ich mir die Prozession ansehe. Ein quartiere nach dem anderen erscheint, die Kirchenleute der hundert Kirchen Palermos mit einem Ueberwurf und einer Fahne, viele alte Maenner, ein paar Frauen und Kinder, ein Maedchen mit Engelsfluegeln. Dann nach einer Stunde endlich.

Die Santa Rosalia. Im spaeten Mittelalter hat sie Palermo von der Pest befreit, Viva Santa Rosalia, seitdem wird ihr Sarg immer am 15. Juli durch die Stadt getragen, geschmueckt mit Blumen, einer Kollekte und umrahmt vom Applaus der Glaeubigen, die lachend und weinend den Sarg bestaunen. Er wird zum Hafen und zurueck getragen und kommt dann wieder an seinen Platz in der Kathedrale. Im Jahr 2005 hat Addiopizzo hier eine ihrer ersten Aktionen gestartet, indem sie an einer praesenten Stelle, an der die Prozession vorbeifuehrt, ein Laken mit der Aufschrift Santa Rosalia, liberaci dal pizzo! gehaengt haben. Befreie uns vom pizzo!, eine bis dahin ungekannte Provokation und ein absoluter Tabubruch, vom pizzo zu sprechen, war bis bis dahin nicht moeglich.                                                                                      

Ein Mann quatscht mich zu, ich lasse es aus Einsamkeit geschehen und er gibt mir einen Kaffee aus, da sage ich nicht nein. Er wird zudringlich, beruehrt mich wie zufaellig am Arm und, ach welch Versehen, am Busen. Als er mich dann mit in einer Kneipe schleppen will, lehne ich ab und fluechte mich auf meine Dachterrasse.

16.7.13 15:26


Sconzajuoco, der mafiafreie Strand


Manche Dinge verstehe ich erst, wenn ich genau nachfrage. Das Strandfest war die Eroeffnungsfeier fuer einen Strandabschnitt in Capaci, den Addiopizzo Travel, die mafiafreie Reiseagentur ab jetzt dauerhaft halten will und wo sie Liegen, Schirme und Kabinen vermieten und Getraenke anbieten. Tatsaechlich sind alle diese Dinge von Unternehmern hergestellt worden, die nicht mit der Mafia kooperieren und somit ist der Strand eigentlich ein tolles Projekt, das allerdings einiges an Aufwand bedeutet. Der Barkeeper ist heute im Buero und es wird viel diskutiert. Nebenbei gibt die Chefin Skype-Interviews und kuemmert sich um tausend andere wichtige Dinge. Eine eigene Kulturagentur zu managen ist nicht so leicht.


In meiner Freizeit gehe ich auf den Ballarò-Markt, wo Fisch, Schnecken, Obst und Gemuese angeboten werden. Ich bewundere die grossen Schwert- und Thunfische und bemitleide sie, ihre Augen werden in der Hitze langsam milchig und Scheibe fuer Scheibe wird ihr Koerper verkauft. Ploetzlich folgt mir ein bulliger Einheimischer mit Glatze und beruehrt mich wie zufaellig an der Seite. Ich wechsle die Richtung und er auch, er ist immer noch hinter mir. Ich gehe wieder zurueck und er tut das gleiche und streicht wieder an meinem Arm entlang. Dann stelle ich mich vor einen Stand und schaue ihn boese an und er schaut zurueck. Als ich nochmal die Richtung wechsle und er immer noch hinter mir ist, bin ich drauf und dran loszuschreien, aber als ich mich dann nach ihm umdrehe, geht er auf einmal davon. Mitten am Tag auf einem belebten Markt kann einem zwar nichts passieren, angenehm war die Begegnung trotzdem nicht.

Ich setze mich mit der Sonntagszeitung in den Schatten hinter dem Bahnhof. Der Papst auf Lampedusa, die Sensationsmeldung des Tages. Die Italiener lieben Francesco sehr und das Giornale di Sicilia widmet ihm taeglich einige Seiten. Ich beobachte einen breitschultrigen Typen dabei, wie er am Parkplatz auf und ab laeuft. Es ist ein vielbefahrener Abschnitt und immer wenn ein Autofahrer den Parkplatz verlaesst, kommt der Kerl und nimmt ihm wie selbstverstaendlich ein paar Muenzen ab. Von meinem Mitbewohner erfahre ich, dass das ein Wirtschaftszweig der Mafia ist und dass dieser kleine Mafioso so tut, als wuerde der Parkplatz ihm gehoeren. Er treibt die Gebuehren ein und hat beste Kontakte zu den Verkehrspolizisten, die solange er da steht, keine Strafzettel austeilen. Da der kleine Mafioso die ganze Zeit vor meiner Nase herumtaenzelt, beschliesse ich mir ein anderes Plaetzchen zu suchen, irgendwie fuehle ich mich neben ihm nicht wohl.

Zu Hause kommen neue Gaeste im Haus an, das bis vor kurzem noch von Punks besetzt und erst dieses Jahr auf Vordermann gebracht wurde, drei Franzoesinnen, die gemeinsam Urlaub machen. Ich krame mein Franzoesisch hervor und verteile den Addiopizzo-Stadtplan, damit auch sie mafiafrei einkaufen koennen. Der Mitbewohner und ich improvisieren ein Abendessen fuer uns fuenf und es ist ein wunderbarer Abend auf der Dachterrasse mit einer Dorade aus dem Ofen mit Kapern, frischen Kraeutern und Zwiebeln, gruenen Balsamico-Bohnen und Reis. Er gibt eine Flasche Marsala aus, eine Art oxidierter Wein mit viel Alkohol. Ich bin wieder mit Sizilien und vor allem den Sizilianern versoehnt trotz all der Probleme, die man an jeder Ecke trifft.


8.7.13 18:13


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